Aspekt in der deutschen Sprache?

Discussion in 'Deutsch (German)' started by Captain Lars, Dec 30, 2012.

  1. Captain Lars

    Captain Lars Senior Member

    Ducatus Montensis
    Deutsch (D)
    Hallo,

    Ich möchte gerne wissen, ob die deutsche Sprache einen (perfektiven) Aspekt kennt, wie z. B. die romanischen Sprachen.

    Eine Dozentin an der Uni hat gesagt, dass das Deutsche den Aspekt sehr wohl markieren würde, nur anders. Dafür führte sie dann das Beispiel "erblühen, blühen, verblühen" an, was ihrer Meinung nach einen Aspekt darstellt. Ich bin mir da allerdings nicht so sicher.

    Andererseits ist mir folgender Dialog als Beispiel eingefallen:

    A: Als ich bei X zum Essen war, hat Y mich angeschrien.
    B: Und, was hast du gemacht?
    A: Ich bin gegangen.

    Im Gegensatz zu:
    A1: Als ich bei X zum Essen gewesen bin, schrie Y mich an.
    B1: Und, was machtest du?
    A1: Ich ging.

    Ich bitte, die Überlegung, ob es sich um eine weit entfernte oder eine nähere Vergangenheit handelt, außer Acht zu lassen. Sagen wir einfach, das Erzählte handelt vom Vortag. Ihr werdet sicher übereinstimmen, dass A1 in der ersten Zeile gar nicht geht. "Schrie mich an" wäre zwar möglich, aber höchstens in Kombination mit "als ich bei X zum Essen war" im ersten Satzteil.

    B1 "was machtest du" ist vollkommen unidiomatisch. Aber doch wohl eher aufgrund dessen, dass man "machen" in der 2. Person einfach nicht ins Präteritum setzt.

    In der letzten Zeile ist dies kein Problem. Trotzdem ist "ich ging" eigentlich nicht möglich. Das sagt man einfach nicht, und zwar, weil es (meiner Ansicht nach) einfach den Tatbestand des Verlassens der Tafel nicht hinreichend transportiert. Analog zum Sp. / Frz., wo es sicherlich undenkbar wäre, me iba statt me fui zu sagen.


    Was meint ihr dazu?
     
  2. ablativ Senior Member

    German(y)
    ​Anders als in manchen anderen Sprachen liegen das Präteritum (früher sagte man Imperfekt) und das Perfekt auf der gleichen Zeitstufe. Von daher sind auch die genannten Begriffe "Perfekt - abgeschlossen" vs. "Imperfekt - nicht abgeschlossen" so eigentlich nicht (mehr) korrekt. Das ist auch der Grund, warum man im Deutschen seit langem nicht mehr Imperfekt, sondern Präteritum sagt. In der Umgangssprache wird größtenteils das Perfekt verwendet (mit steigender Tendenz Richtung Süden im deutschsprachigen Raum).

    Natürlich ist der Dialog (1) der idiomatischere. Grundsätzlich sehe ich aber keine Probleme, Präteritum und Perfekt in einem Satz zu vermischen. Modalverben werden sogar vorzugsweise im Präteritum verwendet, wenn die Vergangenheit ausgedrückt werden soll. Ich wollte eigentlich nach der Schule noch zur Bibliothek gehen, aber ich hab's mir dann doch anders überlegt. Ich bin nach Hause gegangen, aber dort musste ich sofort meinem Vater im Garten helfen.Also ein "wildes" Gemisch zwischen Perf. und Prät., mal im Hauptsatz die eine Form, im Nebensatz die andere und vice versa.

    Ich denke einfach, es bleibt jedem selbst überlassen, ob er/sie die eine Vergangenheitsform oder die andere bevorzugt. In den meisten Fällen wird die Präferenz wohl zum Perfekt gehen, aber das ist wortabhängig, situationsabhängig und auch abhängig vom regionalen Sprachgebrauch. Vielfach wird das Prät. als die Variante des gehobenen Stils angesehen, also wird es wohl eher im Schriftdeutsch verwendet werden.

    In diesem Beitrag der Süddeutschen Zeitung wird das Thema besprochen, ebenso hier in der Schreibwerkstatt.de.

    <...>


     
    Last edited by a moderator: Dec 31, 2012
  3. berndf Moderator

    Geneva
    German (Germany)
    Zunächst würde ich gerne erst einmal grammatischen und lexikalischen Aspekt auseinander halten wollen. Deine Dozentin spricht von lexikalischem, Du in deinen Beispielen von grammatischem. Bleiben wir also, zunächst, beim grammatischen.

    Ich denke, es gibt in Sprachregistern, in denen die Unterscheidung zwischen Präteritum und Perfekt noch bedeutsam ist, durchaus einen Unterschied, den ich Aspekt nennen wollen würde. Meiner Meinung ist dieser Unterschied aber anders zu beschreiben als in Sprachen, die perfektischen und imperfektischen Aspekt unterscheiden. Im Deutschen liegt die Unterscheidung m.E. darin, dass man im Präteritum die Handlung selbst und im Perfekt den von ihr verursachten Zustand in den Fokus stellt. Wenn ich sage, ich bin zum Essen bei X gewesen, dann benutze ich hier den Perfekt, weil ich ausdrücken will, dass dadurch ein bestimmter Zustand erreicht wurde, dass z.B. ein Versprechen einmal zu X zum Essen zu kommen jetzt eingelöst ist oder dass ich jetzt weiß, ob X gut kochen kann oder was auch immer, während Du mit ich war bei X zum Essen den Vorgang in der Vergangenheit beschreibst. Darum ist m.E. A1 auch nicht möglich, weil ein Vorgang, der sich während eines anderen abspielt (schrie mich an) in Zusammenhang mit den (späteren) Konsequenzen des andern gesetzt wird und nicht mit dem Vorgang selbst.

    Ad B1: Machen kann sehr wohl im Präteritum stehen (Als ich kam machtest Du gerade Tee). Und, was machtest du? ist ein sehr umgangssprachlicher Satz. Was unnatürlich wirkt ist, diesen in ein Literarisches Sprachregister zu setzen.

    Hier verstehe ich dich leider nicht. Zum einen sehe ich nicht das an ich ging irgend etwas auszusetzen wäre (Was tatest du dann? Ich ging.). Zum andern verstehe ich nicht warum du ich ging mit iba in Beziehung setzt. Im Deutschen gibt es, wie Ablativ richtig meinte, keine Entsprechung zum Imperfekt. Ich ging ist die Entsprechung zu fui and ich bin gegangen zu he ido.
     
    Last edited: Dec 31, 2012
  4. Captain Lars

    Captain Lars Senior Member

    Ducatus Montensis
    Deutsch (D)
    Vielen Dank euch beiden.



    Das stimmt natürlich. Mir scheint, dass die Wahl der Zeit möglicherweise ganz einfach vom Verb und dessen Gebrauchshäufigkeit abhängt (jedenfall in meiner Gegend).

    Ich denke, das ist die Regel, die ich gesucht habe.

    Hier bin ich aber anderer Meinung. "Du machtest" klingt in meinen Ohren überhaupt nicht umgangssprachlich. In diesem Fall würde ich höchstwahrscheinlich "Als ich kam, hast du gerade Tee gemacht" bzw "Und, was hast du gemacht?" sagen, auch wenn sich das nicht mit deiner sehr guten Regel weiter oben verträgt.

    Nein, ich finde nicht, dass "ich ging", zumindest in der gesprochenen Sprache, natürlich wäre. Und zwar eigentlich genau aus dem Grund, den du oben aufgestellt hast: weil das dt. Perfekt auf das Resultat abhebt, und das Resultat ist in diesem Beispiel, dass die Gesellschaft aufgrund des Streits abrupt verlassen wurde.

    Was me iba angeht, so habe ich ganz einfach den von mir vermuteten Aspekt auf das Spanische übertragen, bzw. eigentlich umgekehrt: Ich habe den Aspekt aus dem Spanischen ins Deutsche übertragen. Nach deiner Erläuterung denke ich jetzt auch nicht mehr, dass me iba "ich ging" entspricht. Allerdings ist me he ido nicht in jedem Falle eine Entsprechung von "ich bin gegangen", weshalb ich diesem letzten Teil nur teilweise zustimmen kann.
     
    Last edited: Jan 3, 2013
  5. berndf Moderator

    Geneva
    German (Germany)
    Entschuldige, hier habe ich mich beim Umstellen des Satzes verheddert. Ich meinte natürlich, dass Und, was hast du gemacht? sehr umgangssprachlich ist und Und, was machtest du? darum nicht passt.

    Das hängt davon ab, was Du aussagen willst. Das Resultat der Aktion ist, dass ich weg anschließend weg bin. Wenn es um die Aktion des Verlassens selbst geht, ist Präteritum angebracht (z.B.: Ich ging und er verriegelte die Tür).

    Ich sagte das Resultat der Aktion, die das Verb beschreibt (d.h. des Gehens) und nicht das Resultat irgendeiner anderen Aktion (hier: des Streitens). Das Resultat der Aktion ist das ich weg weg bin. Wenn es Dir um diesen Zustand geht, ist Perfekt angebracht.

    Warum nicht? Das musst Du mir erklären. Im Spanischen kenne ich mich nicht so aus. Im Französische jedenfalls entsprechen sich ich bin gegangen und je m'en suis allé durchaus, inklusive des Umstandes, das beide Formen in ihren jeweiligen Sprachen das Präteritum in der Umgangssprache ersetzen.
     
  6. ablativ Senior Member

    German(y)
    10x1.gif Beispiele
    a) Ich verlor meinen Geldbeutel.
    b) Ich habe meinen Geldbeutel verloren.
    c) Ich hatte meinen Geldbeutel verloren.


    Bei a) ist der Geldbeutel entweder wieder aufgetaucht, oder es ist dem Sprecher inzwischen egal,
    bei b) ist der Geldbeutel definitiv weg und
    bei c) ist er wieder aufgetaucht.

    Hier
    der gesamte Artikel. Immer wieder findet man dort "besser" (und nicht ausschließlich) oder "eher nicht" (und nicht falsch). Von einigen wenigen (mehr oder weniger konstruierten) Beispielen wie dem obigen kann man grundsätzlich - und hier zitiere ich auch den genannten Artikel - sagen: "Wie bereits eingangs erwähnt, ist es oft so, dass das Deutsche zwischen Imperfekt (ich las) und Perfekt (ich habe gelesen) weitgehend indifferent ist".

    <...>
     
    Last edited by a moderator: Jan 3, 2013
  7. Hutschi

    Hutschi Senior Member

    Dresden, Universum
    German, Germany
    "Gewesen sein" hat hier zunächst zwei mögliche Bedeutungen.
    A11 abgeschlossene Handlung
    A12 Zeitraum einer Handlung
    A11 wird durch den Inhalt ausgeschlossen. "Als" bezieht sich auf eine Handlung, die abläuft.

    A12 ist aber durchaus möglich. "Als" kann sich auf den gesamten Zeitraum der Handlung, auf einen kurzen Zeit innerhalb dieser Handlung oder auf einen Zeitpunkt beziehen.

    Hier bezieht es sich auf einen kurzen Zeitraum innerhalb der Handlung.
    Schriftsprachlich würde ich die Form wahrscheinlich aus stilistischen Gründen nicht verwenden, da sie eher umgangssprachlich verwendet wird. Aber warum ist sie falsch?
    ---

    "Kommen" wird hier in der Bedeutung "ankommen" (Zeitpunkt, Zustandsänderung) verwendet.
    B1 kann hier (theoretisch) zwei Bedeutungen haben. 1. Du warst gerade dabei. 2. Du warst fertig.
    B2 macht das eindeutig. Du warst gerade dabei.

    Wir haben einen bedeutsamen Unterschied zu den "A"-Sätzen. In den "A"-Sätzen ist der "Als"-Teil ausgedehnt. Dieser Unterschied ist inhaltlich bedeutsam.
     
  8. berndf Moderator

    Geneva
    German (Germany)
    Semantiken b) und c) gelten interessanterweise im Französischen ebenso (J'ai perdu mon portemonnaie/J'avais perdu mon portemonnaie). Semantik b) ist eine der wenigen Fälle, wo Perfekt resp. PC noch etwas über die Gegenwart aussagt.
    Die Semantik c) gilt aber natürlich nur dann, wenn Plusquamperfekt/plus-que-parfait "frei" stehen, d.h. nicht durch eine Zeitenfolge erzwungen werden. In dem Satz Als ich nach Hause kam, sah ich, dass ich meinen Geldbeutel verloren hatte gilt c) nicht.
     
  9. Captain Lars

    Captain Lars Senior Member

    Ducatus Montensis
    Deutsch (D)
    Weil, wenn wir uns an die formulierte Regel halten, dass das Perfekt auf das Resultat einer Handlung abhebt, die Kombination von Perfekt und Präteritum so keinen Sinn ergibt und, wichtiger noch, jedenfalls meinem Sprachgefühl zuwiderläuft.

    Die Bedeutung "du warst fertig" würde eher mit "Als ich kam, hattest du gerade Tee gemacht" ausgedrückt.

    Das ist aber eine wichtige Klarstellung, und ich muss gestehen, dass ich den Unterschied hier in dem Beispiel nicht sehen kann. Fällt dir zufällig noch ein anderes Beispiel ein?

    Im Spanischen haben wir das pretérito perfecto simple, was der Form halber dem passé simple entspricht. Während letzteres aber, wenn ich das richtig mitbekommen habe, nur noch in der Schriftsprache relevant ist (ich bin an der Uni jetzt in dem Veranstaltung, die B2/B2+ entspricht und es ist noch nie erwähnt worden), ist ersteres "alive and kicking" und reduziert das perfecto compuesto auf die nahe Vergangenheit (Iberische Halbinsel) bzw. verdrängt es so gut wie vollständig (Lateinamerika).
     
  10. berndf Moderator

    Geneva
    German (Germany)
    Q: Warum ist der allein zuhause?
    A: Weil ich gegangen bin.
    Hier geht es um die Konsequenz meiner Handlung (des Gehens) geht und darum wäre Präteritum hier unangebracht. Im Gegensatz dazu ist Ich ging und er verriegelte die Tür eine Abfolge von Handlungen, die in literarischem Erzählstil (nur hier existiert noch eine strenge Abgrenzung von Präteritum und Perfekt) Präteritum erzwingt.

    Würde man den oben stehenden Dialog in eine Erzählung überführen müsste dann aus Perfekt Plusquamperfekt werden: Er verbrachte den Abend allein allein zuhause, weil ich gegangen war.

    Man könnte aber auch den Satz Ich ging und er verriegelte die Tür so umformen, dass gehen in einer Plusquamperfekt erscheint: Er verriegelte die Tür nachdem ich gegangen war oder Er verriegelte die Tür, weil ich gegangen war. Hier verschiebt sich der Fokus, weg von einer reinen Handlungsabfolge, hin zu einem Begründungs- oder Kausalzusammenhang, wo der durch mein Gehen verursachte Zustand, dass er jetzt allein ist, als ursächlich dafür dargestellt wird, dass er die Tür verriegelt.

    Aha. Vielen Dank.
     
    Last edited: Jan 3, 2013
  11. Hutschi

    Hutschi Senior Member

    Dresden, Universum
    German, Germany
    [​IMG] Originally Posted by Hutschi

    A1: Als ich bei X zum Essen gewesen bin, schrie Y mich an.

    Hier bezieht es sich auf einen kurzen Zeitraum innerhalb der Handlung. Schriftsprachlich würde ich die Form wahrscheinlich aus stilistischen Gründen nicht verwenden, da sie eher umgangssprachlich verwendet wird. Aber warum ist sie falsch?


    Ich habe nach der Regel für das Perfekt gesehen.

    http://www.duden.de/rechtschreibung/Perfekt
    Der Duden definiert:
    Mit dieser Definition stimme ich überein.
    Aus der gegenwärtigen Sicht bzw. aus der Sicht des Sprechenden ist die Handlung abgeschlossen.
    Das betrifft aber nicht die Handlung in der Vergangenheit.
    - das reicht nicht, denke ich. Es schränkt die Benutzung weit mehr ein, als es in weiten Bereichen üblich ist. So wäre zum Beispiel "Ich habe lange dort gestanden. Während dieser Zeit kamen zehn Passanten vorbei." falsch. Insbesondere wäre es falsch, wo "bin" und "haben" landschaftlich synonym sind. "Ich bin dort gestanden."="Ich habe dort gestanden." (Von Region abhängig). Aus meiner Sicht (als Erzählender) ist die Zeit vorbei. In der Vergangenheit können sich Vorgänge aber überlappen. Nur für einen Teil solcher Formen haben wir grammatisch unterschiedliche Zeiten. Man braucht gegebenenfalls zusätzliche Beschreibungen, wenn es genau darauf ankommt.

    Beispiel: Es hat gestern den ganzen Tag lang geschneit. Ich blieb deshalb gestern zu Haus.
    Aus meiner Sicht ist die Handlung (schneien) heute abgeschlossen. Gestern war sie das nicht. Ich betrachte hier auch eher den Zustand des Schneiens. Wenn ich den Vorgang beschreiben wollte, würde ich sagen: "Es schneite gestern den ganzen Tag."

    Das leuchtet mir ein.
     
  12. berndf Moderator

    Geneva
    German (Germany)
    Du vermischst hier die Sprachregister. Einen Aspekt oder zumindest etwas Aspekt-ähnliches drückten Präteritum und Perfekt tatsächlich nur noch in literarischem Erzählstil aus. In diesem Stil ist der Satz in der Tat falsch.

    In Registern die näher an der Umgangssprache sind, lässt sich eine irgendwie geartete semantische Unterscheidung schwerlich aufrechterhalten. Es gibt bestimmte Verben, die bevorzugt im Präteritum verwandt werden (sein, haben, werden, Modalverben) und andere, die bevorzugt im Perfekt verwandt werden.
     
  13. Giorgio Spizzi Senior Member

    Italian
    Guten Tag.

    My impression from the German I've learnt is that the category of Aspectuality is typically lexicalized, as was pointed out above.
    Aspectuality is rather poorly grammaticalized in German vis-à-vis other languages, both in the Romance-languages arena and in English.
    I believe this is essentially due to the presence of
    1. one tense (the Preterite) to represent what in other languages is shared by a "Simple Past" and an "Imperfect", with its potentialities for the expression on "on-going action in the past" and for "habitual action in the past".
    2. one tense (the Perfect) which seems to have lost the function it had originally in Latin to represent the "present state of the subject of the sentence regarding the event" ("Hostem captum habeo" = "I have my enemy in the condition of captured") and has become a mostly spoken alternative to the Preterite, thus serving to "narrate facts" ("I captured the enemy/I've captured the enemy").

    Vielen Dank,

    GS
     
  14. Captain Lars

    Captain Lars Senior Member

    Ducatus Montensis
    Deutsch (D)
    Vielen Dank für die Erklärungen. Könnte man das Ergebnis der Betrachtung also folgendermaßen zusammenfassen?

    - Die Wahl zwischen Perfekt und Präteritum in der gesprochenen Sprache ist eigentlich keine, da sie zu 99% vom Verb abhängt: Modalverben stehen häufig im Präteritum, der Rest im Perfekt. Nur bei wenigen Verben wie "gehen" gibt es unter Umständen eine Wahlmöglichkeit.

    - In der Schriftsprache betont das Perfekt das Ergebnis des Vorgangs, der durch das Verb ausgedrückt werden soll. Das Präteritum kann eine Handlungsabfolge beschreiben, aber auch Zustände (im Gegensatz z. B. zu romanischen Sprachen).
     
  15. berndf Moderator

    Geneva
    German (Germany)
    Genau so sehe ich das.
     
  16. Hutschi

    Hutschi Senior Member

    Dresden, Universum
    German, Germany
    Here I found an entry http://forum.wordreference.com/showthread.php?t=1683189&highlight=gehabt " Thread: gelesen gehabt "

    describing the "Doppelperfekt".
    I always had the feeling that this form describes a missing perfect - and that it is not simply a redundancy.
    It is not standard language but coll. language, but where I came from it was used very regularly.

    Until today I do not understand what is wrong with it, only that I should not use it to avoid mocking.

    Example:
    Standard
    ich lese, ich habe gelesen, ich las, ich hatte gelesen.

    Coll. language:
    Ich habe gelesen gehabt. - It shows that reading was completed at the time. "Ich habe gelesen" It shows that it was not completed.
    Ich hatte gelesen gehabt. - Here reading was also completed.

    You cannot simply exchange the forms by other forms without changing the content.

    herrkeinname describes it as possible aspect form in the given link, and this is convincing to me.

    However, Bernd did not agree in this article. (It is in German, so I just wrote a very short summary. Clear is that the form is non standard.)

    He describes it as "Ersatzform" for the other forms because there is no plusquamperfect in some of the language areas in the dialects.
     
  17. berndf Moderator

    Geneva
    German (Germany)
    Noch eine Ergänzung zu diesem Thread: Ich musste heute eine Email schreiben, in der ich mich, auf eine frühere Bezug nehmend, zwischen Perfekt und Präteritum entscheiden musste:

    Während des Verfassens dieser Email testete ich, ob diese Prozedur auch durchführbar ist.
    Während des Verfassens dieser Email habe ich getestet, ob diese Prozedur auch durchführbar ist.

    Mein Bauchgefühl sagte mir sofort Perfekt, ich überlegte dann aber noch warum eigentlich. Ausschlaggebend war für mich letztlich, dass es mir bei der Aussage nicht um die Durchführung, sondern um das Ergebnis des Test ging (ich hatte nämlich etwas vergessen, wie sich bei dem Test herausstellte). Im Englischen spielt dies keine Rolle. Da kommt hier nur simple past in Frage (While writing the email, I tested...), nicht present oder past perfect und auch nicht continuous.
     
    Last edited: Jan 23, 2013
  18. Hutschi

    Hutschi Senior Member

    Dresden, Universum
    German, Germany
    Es ist ein interessantes Beispiel für "während".

    Aktiv: *
    Inaktiv: _
    Start und Ende (Zeitpunkt):

    Durch den Kontext ergibt sich:

    __|*************************|___ E-Mail

    _____|****************|__________ Test

    "Während" bedeutet hier ein kleinerer Zeitraum innerhalb des anderen. Das ergibt sich aus dem Kontext, wenn sich die E-Mail auf den Test bezieht.

    Ich würde ebenfalls "Habe ich getestet" verwenden. Ich sehe aber den direkten Zusammenhang zum Resultat nicht. Er ergibt sich bei mir aus semantischen Gründen, nicht aus grammatischen. Vielleicht auch daraus, dass der Vorgang vollendet ist, das wäre dann grammatisch.

    Intuitiv würde ich aber bei "testete ich" eher folgendes Bild vor mir haben:

    __|*************************|___ E-Mail

    __|*************************|___ Test

    Allerdings nicht sehr stabil.

    "Während" könnte auch sein (bei anderem Kontext):

    __|*************************|___ E-Mail

    __|*************************|___ Test

    oder

    __|*************************|___ E-Mail

    _|****************************|___ Test
     
    Last edited: Jan 23, 2013
  19. berndf Moderator

    Geneva
    German (Germany)
    Lass uns den Text mal fortsetzen:
    Während des Verfassens dieser Email testete ich, ob diese Prozedur auch durchführbar ist. Dabei habe ich leider die Datenbank verschossen.
    Während des Verfassens dieser Email habe ich getestet, ob diese Prozedur auch durchführbar ist.
    Dabei habe ich festgestellt, dass ich noch etwas vergessen hatte.
     
    Last edited: Jan 23, 2013
  20. Hutschi

    Hutschi Senior Member

    Dresden, Universum
    German, Germany
    Danke, Bernd.
    IIch bin leider hier etwas schwer von Begriff.

    Ich versuche mal, es in kleinere Einheiten zu teilen, also nur einen (wesentlichen) Bestandteil zu wechseln.

    Während des Verfassens dieser Email testete ich, ob (...)diese Prozedur auch durchführbar ist. Dabei habe ich leider die Datenbank verschossen. (Implizit ist durch "während" der Abschluss der Test-Handlung vorhanden, durch "dabei" ein Zeitpunkt innerhalb des Testes.)
    Während des Verfassens dieser Email habe ich getestet, ob (...) diese Prozedur auch durchführbar ist. Dabei habe ich leider die Datenbank verschossen.
    - Hier sehe ich keinen Unterschied, außer im Stil.


    Während des Verfassens dieser Email habe ich getestet, ob die oben diese Prozedur auch durchführbar ist. Dabei habe ich festgestellt, dass ich noch etwas vergessen hatte.W
    Während des Verfassens dieser Email testete ich, ob die oben diese Prozedur auch durchführbar ist.
    Dabei habe ich festgestellt, dass ich noch etwas vergessen hatte.
    Ich sehe hier ebenfalls keinen semantischen Unterschied. (Wegen "während" - das gibt den Zeitraum an - und "dabei" = "während des Testes")

    Wenn man annimmt, dass die E-Mail gerade geschrieben wird (Selbstbezüglich, der zeitliche Standpunkt des Verfassers unterscheidet sich dann von dem des Lesers, der sie ja erst später erhält), ergibt sich, dass in beiden Fällen die Handlung abgeschlossen ist - bevor die betreffenden Zeilen geschrieben waren.

    Sonst würde es heißen: "Während ich die E-Mail schreibe, teste ich ..."
    Der Empfänger weiß nicht sicher, ob die Tests abgeschlossen sind.

    Mir fällt es schwer, die semantischen Unterschiede in den oberen Fällen zu verstehen. Stilistische sehe ich natürlich.
     
  21. berndf Moderator

    Geneva
    German (Germany)
    Ich glaube auch nicht, das ein materieller Unterschied besteht. Es wird nur das Augenmerk unterschiedlich gelegt. Vielleicht meine ich ja damit dasselbe wie Du mit "stilistisch".
     

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