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Relativsatz - Stellung?

Discussion in 'Deutsch (German)' started by jm2267, Feb 15, 2013.

  1. jm2267 New Member

    Polish
    Hallo,

    nach 25 Jahren mit Deutsch als Fremdsprache (davon 23 Jahre in Deutschland) stehe ich vor einem Problem, dem meine Kenntnisse anscheinend nicht gewachsen sind.
    Hatte schon meine Schwiegermutter konsultiert (Muttersprache: Deutsch, pensionierte Lehrerin), die anscheinend anderer Meinung ist als ich.

    Der folgende Satz stammt aus einem Zeugnis und beinhaltet einen Relativsatz, der sich wohl auf das Bezugswort "Unternehmen" beziehen sollte (bei "Umschulung" als Bezugswort würde es "die" sein) . Ich bin der Meinung, dass in diesem Fall der Einschub zwischen dem Bezugswort und dem Relativsatz falsch gesetzt ist. Meine Schwiegermutter (nach Bedenkzeit) lässt es gelten (trotz stilistischer Bedenken).
    "...absolvierte in unserem Unternehmen, im Rahmen einer Umschulung zum Industriekaufmann, das durch das Bildungsinstitut XYZ begleitet wird, ein vorgeschriebenes Praktikum."

    Danke für eventuelle Hilfe und Gruss an alle Mitglieder dieses sehr informativen Forums.

    Jarek
     
  2. Hutschi

    Hutschi Senior Member

    Dresden, Universum
    German, Germany
    Hallo, Jarek,
    es ist ein Problem, bei dem wir zwischen Stil, Prgamatik und Grammatik unterscheiden müssen.

    Leider ist der Hauptsatz nicht komplett, ich ergänze provisorisch.

    "Sie absolvierte in unserem Unternehmen, im Rahmen einer Umschulung zum Industriekaufmann, das durch das Bildungsinstitut XYZ begleitet wird, ein vorgeschriebenes Praktikum."

    Wir haben die folgende Struktur:

    Hauptsatz Teil 1, Einschub, Relativsatz, Hauptsatz Teil 2.

    Wenn man den Einschub weglässt, entsteht:

    "Sie absolvierte in unserem Unternehmen, das durch das Bildungsinstitut XYZ begleitet wird, ein vorgeschriebenes Praktikum."

    Der Einschub entsteht auf zweierlei Art:
    1. Es ist ein verkürzter Satz
    "Er absolvierte in unserem Unternehmen, (und das tat er) im Rahmen einer Umschulung zum Industriekaufmann, das durch das Bildungsinstitut XYZ begleitet wird, ein vorgeschriebenes Praktikum."
    Der Satz ist nicht mehr verständlich.

    2. Er gehört eigentlich ganz nach hinten und wird verschoben.
    "Sie absolvierte in unserem Unternehmen, das durch das Bildungsinstitut XYZ begleitet wird, ein vorgeschriebenes Praktikum im Rahmen einer Umschulung zum Industriekaufmann."
    Dieser Satz ist korrekt.
    Verschiebung:
    "Sie absolvierte in unserem Unternehmen, im Rahmen einer Umschulung zum Industriekaufmann, das durch das Bildungsinstitut XYZ begleitet wird, ein vorgeschriebenes Praktikum."
    In dieser Form erscheint es mir standardsprachlich falsch. Der Satz ist zudem ebenfalls nicht mehr verständlich.
    Der Abstand von "das" zu "Unternehmen" ist zu groß und die Wendung wird in falscher Weise unterbrochen.
    Umgangssprachlich ist es aber durchaus möglich.

    Ich denke aber, dass der korrekte Satz lautet:

    "Sie absolvierte in unserem Unternehmen im Rahmen einer Umschulung zum Industriekaufmann, die durch das Bildungsinstitut XYZ begleitet wird, ein vorgeschriebenes Praktikum."

    Der ursprüngliche Satz erscheint mir bereits semantisch als falsch. Deshalb wird ein grammatischer Struktur-Fehler unerheblich. Das Bildungsinstitut begleitet die Umschulung und nicht den Betrieb. In diesem Satz ist zudem das erste Komma entfernt.
     
  3. jm2267 New Member

    Polish
    Hallo Hutschi,

    vielen Dank für sehr ausführliche und v.a. verständliche Antwort.

    Ich habe die Möglichkeit mit dem falschen Relativpronomen nur kurz in Betracht gezogen, da es dann ein klarer, grober Fehler wäre. Ich kenne den Ersteller (deutscher Muttersprachler) und hatte bei ihm dies erstmal ausgeschlossen. Aber anscheinend kann auch ein Muttersprachler beim zweiten Nebensatz die Orientierung verlieren.

    Somit stürzte ich mich auf die Alternative "Bildungsinstitut begleitet Unternehmen", wie unlogisch sie auch nicht geklungen haben mag. Ein paar Stunden Internetrecherche haben zwar mein Wissen über Relativsätze deutlich erweitert, den konkreten Fall aber nicht gelöst.
    Heute (noch vor Deiner Antwort) bin ich auf einen Artikel in Deutsche Sprache 35, Heft 4, 2007, S. 287-314 gestoßen. Titel: Zur Struktur und Interpretation von Relativsätzen. Auf Seite 6 fand ich den Satz: "Wenn Attribute ausgeklammert werden, gelangen sie in Distanzstellung zum Bezugsnominale. Es kommt also zu diskontinuierlichen Satzkonstituenten."
    Soll wohl heißen, dass der Einschub (als Attribut) sich dann vom Bezugswort entfernt, damit der Relativsatz nicht verschoben wird.

    Auch wenn ich jetzt weiß, dass Deine Erklärung zutreffen muss, hat mich diese detektivistische, wenn auch nur theoretisierende, Beschäftigung mit der Sprache faszieniert.

    Danke nochmals und viele Grüße

    Jarek
     
  4. Hutschi

    Hutschi Senior Member

    Dresden, Universum
    German, Germany
    Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass das Unternehmen begleitet wird, vor Allem, wenn es ein sehr kleines Unternehmen ist.
    Es ist dann einfach so, dass der Einschub den Relativsatz isoliert.
    Dann könnte die Konstruktion rein grammatisch korrekt sein, stilistisch halte ich sie aber trotzdem für falsch, weil sie zu unverständlich ist. Ich halte sie dann zumindest nicht für idiomatisch, damit meine ich, dass sie normalerweise nicht genutzt wird. Auch die Lehrerin musste erst überlegen, das ist ein Zeichen, dass etwas nicht ganz stimmt.

    Im Praktikum begleitet werden können vor allem Personen, aber auch Institutionen - und Prozesse.

    "Wenn Attribute ausgeklammert werden, gelangen sie in Distanzstellung zum Bezugsnominale. Es kommt also zu diskontinuierlichen Satzkonstituenten."
    Das kann hier zutreffen. Einfacher - und nach Ockhams Rasiermesser vorzuziehen - ist die Annahme, dass dort "die" stehen muss.
    Der Einschub wäre zumindest sehr ungewöhnlich.
    "Der" würde übrigens ebenfalls rein grammatisch funktionieren - der Rahmen - aber semantisch ist es ausgeschlossen.
     
    Last edited: Feb 15, 2013
  5. jm2267 New Member

    Polish
    Das besagte Unternehmen hat etwa 2.500 Mitarbeiter weltweit. Es könnte natürlich auch von einem kleinen Ausbildungsinstitut "begleitet werden", die Variante läßt jedoch jegliche Logik vermissen, da schließe ich mich mittlerweile Deiner Meinung an.

    Ich bin immer noch über mein Verhalten ein bißchen verwundert, da ich die nächstliegende Lösung ("die") ausgeschlossen habe. Es war wohl ein übermäßiges Maß an Vertrauen in die hochqualifizierten, langjährigen Mitarbeiter der Personalabteilung. Immerhin, bin jetzt um etliche Seiten zum Thema schlauer ;).
     

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