Zeitenfolge und Zeitformen

Discussion in 'Deutsch (German)' started by Glockenblume, Jan 2, 2014.

  1. Glockenblume Senior Member

    France
    Deutsch (Hochdeutsch und "Frängisch")
    Erst einmal ein gutes Neues Jahr an alle!

    Ich habe öfter mit deutschsprachigen Texten zu tun, die nicht von Muttersprachlern verfasst sind. Mitunter stelle ich mir die
    Frage, ob Muttersprachler diese Texte genauso formulieren würden.

    Hier zwei Beispiele:

    1. »Wien, Schuberts Geburtsstadt, wo Mozart und Beethoven auch gelebt haben, war die Stadt der Musik. Schubert war schon als Kind von der Musik fasziniert.«

    2. »Levi Strauss ist in Buttenheim in Bayern geboren. Im Jahre 1847, als er 18 Jahre alt war, ist er nach Amerika ausgewandert.«

    Insbesondere frage ich mich, ob Muttersprachler die Zeitformen genauso verwenden würden.
    Ich persönlich finde, die Zeitabfolge in beiden Sätzen kann etwas Verwirrung stiften.
    (Zur Information: Mozart 1756 - 1791, Beethoven 1770 - 1827, Schubert 1797 - 1828).
    Deshalb würde ich gern von anderen Muttersprachlern erfahren, ob ich das zu eng sehe, - oder ob die Sätze tatsächlich etwas ungewöhnlich formuliert sind.

    Glockenblume

    P. S.: Die Quelle der beiden Zitate nenne ich Euch, sobald ich Eure Rückmeldungen bekommen habe ...
     
  2. Schlabberlatz Senior Member

    German - Germany
  3. Glockenblume Senior Member

    France
    Deutsch (Hochdeutsch und "Frängisch")
    Danke für Deine Hinweise, Schlabberlatz.

    Dennoch würde mich konkret interessieren, ob Ihr Euch vorstellen könntet, dass Muttersprachler die beiden Zitate in eben dieser Form geschrieben hätten.

    (Vielleicht erscheint Euch das erstaunlich, dass ich so darauf herumreite, aber wenn man im Ausland ist und immer wieder einmal Deutsch hört, dass zwar grammatikalisch erträglich ist, aber gar nicht so richtig deutsch klingt, dann kommt man mitunter durcheinander und möchte gerne in konkreten Fällen Zustimmung oder Widerspruch hören. Deshalb meine Frage: Klingt das so, wie Muttersprachler das auch geschrieben hätten?)
     
  4. lexicos Junior Member

    German
    Ja, die Zeitenfolge ist zwar grammatisch nicht korrekt, aber ich würde diese Sätze definitiv in der Form auch verwenden und als richtig durchgehen lassen. Allein durch die Erzählung wird klar, dass sich alle Beispiele auf Vergangenes beziehen und die Zeitsprünge rein sprachlicher Natur sind. ;)
     
  5. Liam Lew's Senior Member

    Ich kenne viele Muttersprachler, die die gleichen Zeitenfolgen/Zeitformen in den Beipsielsätzen wählen würden. Da ich solche Zeitfolgen früher selbst verwendet habe und öfters höre, finde ich sie keinesfalls ungewöhnlich oder merkwürdig. Für mich persönlich stiftet die Zeitenabfolge auch keine Verwirrung. Trotzdem würde ich sie nicht so wählen.

    Ich verwende niemals das das Zustandspassiv mit "gebären + Jahreszahl".

    In Satz 1 hätte ich die folgenden Zeitformen verwendet: lebten, war, war fasziniert .
    In Satz 2: wurde geboren, war, wanderte aus.

    Ich wähle diese Zeiten, weil ich sie als stilistisch besser erachte.

    Außerdem stört mich in Satz 1 das "wo".
    Zurück zu deiner Frage: Im alleinigen Bezug auf die Zeitenfolge, klingt es schon so, wie es einige Muttersprachler geschrieben hätten.
     
  6. Glockenblume Senior Member

    France
    Deutsch (Hochdeutsch und "Frängisch")
    Danke lexicos und Liam Lew's.

    @LL: Hast Du die Lebensdaten beachtet?
    Schubert wurde geboren, als Mozart bereits gestorben war. Müsste es dann nicht im ersten Satz heißen:
    gelebt hatten, war, war fasziniert?
     
  7. grafkoks Junior Member

    german
    1. würde ich wie folgt formulieren:
    »Wien, Schuberts Geburtsstadt, wo auch Mozart und Beethoven gelebt haben, war die Stadt der Musik. Schubert war schon als Kind von Musik fasziniert.«

    Woher soll man denn wissen, wann diese Leute gelebt haben, wenn man nicht zufällig Experte auf diesem Gebiet ist?
     
  8. Liam Lew's Senior Member

    Nein die Lebensdaten hatte ich nicht beachtet. Es muss hier für mich nicht zwangsläufig das Plusquamperfekt verwendet werden. Nur wenn ich ganz klar und deutlich signalisieren wollte, dass Mozart und Beethoven vor ihm gelebt haben. "lebten" ist für mich mehrdeutig, reicht aber aus und "gelebt hatten" ist für mich eindeutig. Die Unterscheidung zwischen Plusquamperfekt und Präteritum, die du dort aufzeigst, verliert meinen Erfahrungen zufolge zuhnemend an Bedeutung. In meiner Generation (natürlich spreche ich hier nur für Hamburg) ist diese Unterscheidung leicht ausgeprägt vorhanden (d.h in einigen Situationen, aber nicht in allen Instanzen, in denen es aus rein grammatikalischer Sicht notwendig wäre). Meine 85-Jährige Großmutter macht diese Unterscheidung immernoch konsequent.

    Ich wäre in diesem Beispiel also entweder mit "gelebt hatten" oder "lebten" zufrieden. Bei der Verwendung des Präteritums könnte ich mir auch gut vorstellen noch ein Adverb hinzuzufügen (einst, schon, zuvor schon).
     
    Last edited: Jan 2, 2014
  9. Schlabberlatz Senior Member

    German - Germany
    "Gelebt hatten" passt eher nicht; da Schubert nur ein Jahr nach Beethoven gestorben ist, sollte man die beiden als Zeitgenossen ansehen. Der Satz ist also etwas undankbar, da mit Mozart ein weiterer Komponist genannt wird, der kein Zeitgenosse Schuberts war. Ich würde dazu tendieren, hier (d.h. in diesem Nebensatz) Perfekt zu nehmen, bei Präteritum würde der Leser vielleicht erwarten, dass noch weitere Infos zu Mozart und Beethoven folgen.

    Hier wird das beschrieben: http://www.schreibwerkstatt.de/einsteigertipps.php (weit runter scrollen... oder Strg+F verwenden, um nach Präteritum zu suchen).

    Das "auch" würde ich wie Graf Koks vor "Mozart" platzieren.

    Beim zweiten Bsp. würde ich "wanderte aus" nehmen, da ich davon ausgehe, dass noch weitere Informationen über Strauss folgen. Auch den Rest würde ich da so machen, wie Liam Lew's es vorschlägt. "Ist ... geboren" gefällt mir nicht. Wenn überhaupt, sollte man diese Form mMn nur bei lebenden Personen verwenden.
     
  10. Glockenblume Senior Member

    France
    Deutsch (Hochdeutsch und "Frängisch")
    Danke Euch alle für Eure Antworten. Da ich jetzt schon so lange im Ausland lebe, tut es mir gut, immer wieder einmal eine Bestandsaufnahme hinsichtlich meines "Sprachgefühls" zu machen.

    Was das Wort "wo" versus "in der", ferner die Stellung des Wortes "auch" usw. betrifft, gebe ich Euch völlig Recht, auch mir ist davon einiges befremdend vorgekommen.

    Jetzt zum Schluss verrate ich Euch noch, wie versprochen, die Quelle der Zitate: Sie stammen aus den französischen Lehrplänen für die Sekundarstufe. Dort sind zu den Kompetenzen, die im Fach Deutsch zu erwerben sind, zahlreiche Textstellen als Beispiele angeführt. Zwei davon habe ich Euch obenstehend zitiert.

    Glockenblume
     

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