Als ich angefangen habe / anfing, Deutsch zu lernen (Perfekt vs Präteritum)

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Schimmelreiter

Senior Member
Deutsch
In diesem Thread schreibt Liam Lew's meiner Meinung nach völlig zurecht Folgendes:
Als ich angefangen habe, Deutsch zu lernen .........
Elgeganter wäre: Als ich anfing/begann, Deutsch zu lernen
Vielfach ist von der faktischen Austauschbarkeit von Perfekt und Präteritum bzw. davon die Rede, das Präteritum werde überwiegend schriftlich gebraucht.

Stimmt das auch? Ich geh bei obigem Beispiel einen Schritt weiter als Liam Lew's, indem ich sage: In einem mit als eingeleiteten Temporalsatz ist das Perfekt "so unelegant, dass es falsch ist". :rolleyes:

Wie haltet Ihr's - auch über das konkrete Beispiel hinaus - mit dem angeblich so gleichberechtigten Perfekt?
 
  • Sowka

    Forera und Moderatorin
    German, Northern Germany
    Ich habe das jetzt einige Male vor mich hingesprochen :eek: ;), und ich meine: In der gesprochenen Sprache würde ich Perfekt vorziehen. Als ich angefangen habe, Deutsch zu lernen, war ich denkbar jung.

    Im Schriftlichen gebe ich hier dem Präteritum ganz klar den Vorzug. Aber ich habe für mich keine eindeutige Regel feststellen können; irgendwie gehe ich danach, was mir im konkreten Satz in dem Moment am besten klingt.
     

    manfy

    Senior Member
    German - Austria
    Ich habe das jetzt einige Male vor mich hingesprochen
    Ich hab genau das Gleiche gemacht und überraschenderweise kam ebenso das Gefühl hoch, dass Präteritum besser und richtiger klingt. Dies ist sehr überraschend, da mein Sprachgefühl nach wie vor sehr stark in meinem Dialekt verwurzelt ist, welcher mit Ausnahme von haben und sein kein Präteritum kennt.

    Ich nehme an, diese Präferenz von Präteritum nach der temporalen Einleitung 'als' rührt von Einflüssen aus dem Englischen, denn dort klingt Perfekt total falsch:
    When I have started to learn German... :cross: (actually this use is possible but it describes future and not past, i.e. when I will have started...)
    When I started to learn German... :tick:
     

    Hutschi

    Senior Member
    Gibt es nicht einen leichten Bedeutungsunterschied?
    Als ich anfing - hier ist es ein klar definierter Zeitpunkt.
    Als ich angefangen habe - hier ist es eher ein Zeitraum, ein Prozess.

    In dem Moment, als ich anfing ...
    In dem Moment, als ich angefangen habe ...
    Hier klingt nur die erste Form für mich natürlich, wenn es keinen anderen Kontext gibt, wie:
    In dem Moment, als ich angefangen habe, deutsch zu lernen, war ich glücklich. (Der Moment bezieht sich hier auf die Gleichzeitigkeit mit "war".)


    Als ich angefangen habe, Englisch zu lernen, verstand ich auch meine eigene Sprache besser.
    Als ich anfing, Englisch zu lernen, verstand ich auch meine eigene Sprache besser.
    Hier würde ich die "habe"-Form bevorzugen.

    Das Problem ist der Anfang.
    Er stellt einen Zeitpunkt, einen Meilenstein, dar.

    Die Verben stellen dann das Verhältnis zu diesem Zeitpunkt auf.
     
    Last edited:

    Glockenblume

    Senior Member
    Deutsch (Hochdeutsch und "Frängisch")
    Mich persönlich stört das wahllose Umeinanderwürfeln der Zeiten.
    In der mündlichen Sprache gibt es meines Erachtens hintergründig vom Dialekt abgeleitete Modelle. Letztere sind in sich schlüssig, selbst wenn sie von der Schriftsprache abweichen.

    "Als ich angefangen habe" würde ich - als geborene Süddeutsche - in der gesprochenen Sprache verwenden, "als ich anfing" nur ausnahmsweise in seht formellen usw. Situationen.

    Was die Schriftsprache betrifft, würde ich folgende Zeitformen bei "als" verwenden:

    bei Gleichzeitigkeit in der Vergangenheit: im Nebensatz als + Präteritum - im Hauptsatz Präteritum
    An dem Tag, als Emma in der Schule schlief, war die Lehrerin sehr schlechter Laune.

    bei Gleichzeitigkeit in der Gegenwart oder historischem Präsens: im Nebensatz als/ wie + Präsens - im Hauptsatz Präteritum
    An dem Tag, als/ wie Emma in der Schule schläft, ist die Lehrerin sehr schlechter Laune.

    bei Vorzeitigkeit in der Vergangenheit: im Nebensatz als + Plusquamperfekt - im Hauptsatz Präsens
    An dem Tag, als Emma ihre Hausaufgaben vergessen hatte, war die Lehrerin sehr schlechter Laune.

    bei Vorzeitigkeit in der Gegenwart oder historischem Präsens: im Nebensatz als/ wie + Perfekt - im Hauptsatz Präsens
    An dem Tag, als/ wie Emma ihre Hausaufgaben vergessen hat, ist die Lehrerin sehr schlechter Laune.

    Hutschis Satz "Als ich angefangen habe, Englisch zu lernen, verstand ich auch meine eigene Sprache besser." würde ich so nicht schreiben, sondern das habe durch ein hatte ersetzen (Plusquamperfekt).
    So haben wir es in der Schule gelernt, - aber das ist schon eine Zeit lang her, und vielleicht nimmt man es heute nicht mehr so genau.
     

    Schlabberlatz

    Senior Member
    German - Germany
    Ein sehr interessantes Thema und ein echter Dauerbrenner. Vielleicht könnte man mal einen Sammelthread machen?

    http://forum.wordreference.com/showthread.php?t=2633917
    http://forum.wordreference.com/showthread.php?t=2552540
    http://forum.wordreference.com/showthread.php?t=2762805

    Was diesen konkreten Fall betrifft würde ich auch eher für Präteritum plädieren, zumindest was schriftliche Äußerungen angeht. Hier wird das beschrieben: http://www.schreibwerkstatt.de/einsteigertipps.php (weit runter scrollen... oder Strg+F verwenden, um nach Präteritum zu suchen). Beim sprechen würde ich aber wahrscheinlich nicht darüber nachdenken und spontan Perfekt nehmen.
     

    manfy

    Senior Member
    German - Austria
    Faszinierend!
    Als nicht-sprachwissenschaftlicher Muttersprachler mache ich mir über derart 'kleine Details' eigentlich nie Gedanken - mein Gehirn macht nen Vorschlag und wenn's 'gut klingt' wird es genauso ausgesprochen oder niedergeschrieben.

    Ich stimme Hutschis und Glockenblumes Ausführungen vollkommen zu und nehme meine Theorie der Beeinflussung durchs Englische größtenteils zurück.
     

    Hutschi

    Senior Member
    Als ich angefangen hatte, Englisch zu lernen ... - hier war der Anfang schon beendet.
    Als ich angefangen habe, Englisch zu lernen ... hier war der Prozess des Anfangens noch im Gange,

    "Anfangen" ist ja eigentlich ein Zeitpunkt, man kann es sich aber auch als erste Phase eines Prozesses auffassen.
    Ein Problem besteht aber in der prinzipiellen Mehrdeutigkeit und Vagheit, insbesondere kann jeder leicht unterschiedliche Modelle in seiner inneren Grammatik verinnerlicht haben, da man ja gefühlsmäßig Analogien verallgemeinert.
    Auch die Schulgrammatik ist letztlich eine (präscriptive) Verallgemeinerung.
     

    Glockenblume

    Senior Member
    Deutsch (Hochdeutsch und "Frängisch")
    Als ich angefangen hatte, Englisch zu lernen ... - hier war der Anfang schon beendet.
    Als ich angefangen habe, Englisch zu lernen ... hier war der Prozess des Anfangens noch im Gange,

    "Anfangen" ist ja eigentlich ein Zeitpunkt, man kann es sich aber auch als erste Phase eines Prozesses auffassen.
    Ein Problem besteht aber in der prinzipiellen Mehrdeutigkeit und Vagheit, insbesondere kann jeder leicht unterschiedliche Modelle in seiner inneren Grammatik verinnerlicht haben, da man ja gefühlsmäßig Analogien verallgemeinert.
    Auch die Schulgrammatik ist letztlich eine (präscriptive) Verallgemeinerung.
    Du hast Recht, Deine Argumentation sagt mir zu.
     

    Nirakka

    Member
    German
    Ich persönlich finde "als" mit vorzeitigem Plusquamperfekt etwas kontraintuitiv. Ich würde in solchen Fällen immer "nachdem" verwenden:

    * "Nachdem ich angefangen hatte, …"
    * "Als ich angefangen habe, …"
     

    Glockenblume

    Senior Member
    Deutsch (Hochdeutsch und "Frängisch")
    Ich persönlich finde "als" mit vorzeitigem Plusquamperfekt etwas kontraintuitiv. Ich würde in solchen Fällen immer "nachdem" verwenden:
    Ich habe im DUDEN-Universalwörterbuch* zum Eintrag "als" gefunden:
    "[...]drückt die Vor-, Gleich- od. Nachzeitigkeit aus: als wir das Haus erreicht hatten, [da] fing es an zu regnen [...]"


    *ein etwa 20 Jahre altes Exemplar, von dem die Buchdeckel sich schon gelöst haben, so dass ich die Auflage sowie das Erscheinungsjahr nicht weiß

     

    Nirakka

    Member
    German
    Ich habe im DUDEN-Universalwörterbuch* zum Eintrag "als" gefunden:
    "[...]drückt die Vor-, Gleich- od. Nachzeitigkeit aus: als wir das Haus erreicht hatten, [da] fing es an zu regnen [...]"
    Ja,"als" ist auch bei Vorzeitigkeit unbestritten korrekt. Ich persönlich finde es schlicht kontraintuitiv. Vermutlich liegt es daran, dass "als" häufig gleichzeitige Zusammenhänge in der Vergangenheit einleitet -- das Plusquamperfekt am Satzende sorgt bei mir dann immer für einen gewissen Überraschungseffekt. ;)
     

    Schimmelreiter

    Senior Member
    Deutsch
    als + Plusquamperfekt und nachdem + Plusquamperfekt unterscheiden sich in der Bedeutung:

    als er gesehen hatte = sobald er gesehen hatte = sowie er gesehen hatte = sofort nachdem er gesehen hatte


    ​Die konnotativen Unterschiede wären gesondert zu beleuchten.

     

    berndf

    Moderator
    German (Germany)
    Hutschis Satz "Als ich angefangen habe, Englisch zu lernen, verstand ich auch meine eigene Sprache besser." würde ich so nicht schreiben, sondern das habe durch ein hatte ersetzen (Plusquamperfekt).
    So haben wir es in der Schule gelernt, - aber das ist schon eine Zeit lang her, und vielleicht nimmt man es heute nicht mehr so genau.
    Geht mir auch so. Aber wahrscheinlich sind wir die letzte oder vorletzte Generation, denen dies noch in Fleisch und Blut übergegangen ist. Meine Tochter hat (9. Klasse deutsches Gymnasium in Genf) bisher noch nicht gelernt, zwischen den Formen semantisch zu unterscheiden. Für sie ist das nur die "kurze" und die "lange" Vergangenheit. Kommt vielleicht noch in der Oberstufe im Literaturunterricht. Eine weitere Generation später, wird die Unterscheidung wohl nur noch als historischer Exkurs behandelt, so wie zu unserer Zeit, dass man ganz, ganz früher mal Rat mit th geschrieben hat.
     
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