Als sei vs Als wäre

skaz

New Member
English - American
Zunächst: ich verstehe, dass "sei" in indirekten Reden verwendet werden sollte. Dennoch sehe ich es in anderen Fällen:

Er sieht so aus, als sei er ein Professor.
Er sieht so aus, als wäre er ein Professor.

Sind beide richtig? Warum verwendet man hier "sei"?
 
  • Schimmelreiter

    Senior Member
    Deutsch
    Man findet hier sei. Ich halte es für falsch. Irreale Vergleichssätze heißen so, weil sie irreal sind. :)
    (cf. as though he were ...​)

    PS
    Ich halte hier also nur wäre ​für richtig.
     

    berndf

    Moderator
    German (Germany)
    Wieso denn "falsch"? Der semantische Unterschied zwischen den Sätzen ist doch ganz unmissverständlich. Der erste Satz beschreibt einen Anschein ohne etwas darüber auszusagen, ob dieser Anschein trügt oder nicht während im zweiten Satz zumindest Zweifel oder Unsicherheit angemeldet werden. Wenn die Verwendung unmissverständlich und sinnvoll ist, sehe ich keinen Grund sie als "falsch" zu kennzeichnen.

    Nicht dass ich das als Totschlagargument aufgefasst wissen wollte, aber Canoo sieht das offenbar ähnlich.
     

    Schimmelreiter

    Senior Member
    Deutsch
    Naja.

    Irreale Vergleichssätze drücken einen Vergleich aus, der möglich aber nicht wirklich ist. Einleitewörter sind:
    als wenn, wie wenn
    als ob
    als und Erststellung des finiten Verbs

    Das Verb steht im Konjunktiv II (auch mit würde).
    Seltener steht ohne Bedeutungsunterschied auch der Konjunktiv I.


    http://www.canoo.net/services/OnlineGrammar/Wort/Verb/Modi/Komparativsatz.html


    canoo sagt also ohne Bedeutungsunterschied. Und spricht, wie ich, vom irrealen Vergleich. Genau deshalb halte ich den K1 für falsch: Er ist ungeeignet, Irrealität auszudrücken.
     

    berndf

    Moderator
    German (Germany)
    Er ist ungeeignet, Irrealität auszudrücken.
    Aber warum denn nicht?

    Modus irrealis muss hier ganz öffenbar aus den modus potentialis eingeschlossen interpretiert werde, denn sonst wäre die Beschreibung vollkommen unsinnig. Dafür ist die Verwendung von Es sieht so aus, als sei zur Beschreibung möglicherweise zutreffenden Anscheins viel zu verbreitet (Es sieht so aus, als habe er Recht).

    Sollte eine Grammatik dies bestreiten, so hielte ich die Grammatik und nicht den Gebrauch für "falsch".
     

    skaz

    New Member
    English - American
    Das hab ich mir gedacht, aber ich sehe es so oft. Meine (Deutsche) Freundin hält der erste sogar für schöner :D
     

    ablativ

    Senior Member
    German(y)
    Aber warum denn nicht?

    Modus irrealis muss hier ganz öffenbar aus den modus potentialis eingeschlossen interpretiert werde, denn sonst wäre die Beschreibung vollkommen unsinnig. Dafür ist die Verwendung von Es sieht so aus, als sei zur Beschreibung möglicherweise zutreffenden Anscheins viel zu verbreitet (Es sieht so aus, als habe er Recht).

    Sollte eine Grammatik dies bestreiten, so hielte ich die Grammatik und nicht den Gebrauch für "falsch".
    Völlig richtig, denn es handelt sich hier ja gar nicht um einen Irrealis, sondern - wie Du richtig schreibst - um einen Potentialis.

    Es sieht so aus, als sei er ein Professor --->
    mit großer/einer gewissen Wahrscheinlichkeit ist er ein Professor.

    Ein anderes Beispiel: Der Gast, und sei er noch so schlecht, er wird geehrt, es ist sein Recht. ---> Möglicherweise
    ist der Gast schlecht.
    Damit widerspreche ich der Ansicht von "Belles Lettres":
    Tat­säch­lich drückt der Kon­junk­tiv 1 nie­mals aus, daß man etwas nicht genau weiß.
    Natürlich kann man den Potentialis auch durch "lexikalische Verben, Modalverben oder Adverbien" (siehe "BL") ausdrücken, wie z.B. Er scheint ein Prof. zu sein, er ist vielleicht ein Prof., es sieht so aus, als ist (also Indikativ) er ein Prof., aber eben auch durch den Konj. I - meiner Meinung nach und entgegengesetzt zu "BL".
     

    Schimmelreiter

    Senior Member
    Deutsch
    Bernd & ablativ, alle Grammatiken besagen, dass sowohl als (mit Verberststellung) als auch als ob (mit Verbletztstellung) irreale Vergleichssätze einleiten. Ihr haltet den K1 für richtig und leitet davon ab, dieser sei der Potentialis. Ich sage umgekehrt, irreal könne nur der K2 sein, und daher scheide der K1 aus. So weit, so unterschiedlich.


    Nehmen wir
    Es sieht so aus, als habe er Recht
    und setzen wir das Verb des Nebensatzes in den Plural: Es sieht so aus, als haben sie Recht. Neigt Ihr hier möglicherweise wegen Formengleichheit von K1 und Indikativ dem K2 (Es sieht so aus, als hätten sie Recht.) zu? Nur mal angenommen, Ihr neigtet hier tatsächlich dem K2 zu, dann schließe ich daraus, dass Ihr die diesbezügliche Regel für die indirekte Rede auf irreale Vergleichssätze anwendet. Genau das wäre aber ein Irrtum: Irreale Vergleichssätze sind keine indirekte Rede.

    Also: Ich halte für möglich, dass Ihr Euch beim Für-richtig-Halten des K1 in irrealen Vergleichssätzen zu Unrecht von einer Analogie zur indirekten Rede leiten lasst. Und möglicherweise auch von einem - inexistenten - Bedeutungsunterschied zwischen als und als ob in irrealen Vergleichssätzen: Seht Ihr etwa einen Bedeutungsunterschied zwischen
    Es sieht so aus, als habe er Recht
    und Es sieht so aus, als ob er Recht habe?

    Ich halte ja beide Sätze für falsch. Solltet Ihr nur letzteren für falsch - weil "wirklich" irreal und daher K2-bedürftig - halten, dann geht Ihr von einem Bedeutungsunterschied zwischen irrealen Vergleichssätzen mit als und irrealen Vergleichssätzen mit als ob aus, den ich in keiner Grammatik bestätigt finde.
     

    ablativ

    Senior Member
    German(y)
    Es sieht so aus, als wäre er ein Professor sagt aus, dass er kein Professor ist, und deshalb handelt es sich hier um einen irrealen Vergleichssatz.

    Soll hingegen ausgedrückt werden, dass die Person alle Kriterien eines Professors erfüllt (also z.B. schusselig ist ;) ), dann handelt es sich ja nicht mehr um einen irrealen, sondern um einen realen Vergleichssatz. Somit wäre dann auch der Konjunktiv II fehl am Platze. Man kann also nicht sagen, dass alle mit "als" eingeleiteten Vergleichssätze irreal wären.

    Allerdings muss ich konzedieren, dass beim realen Vergleichssatz der Konj. I vielleicht überflüssig ist, irgendwie vielleicht pleonastisch, da "es sieht so aus" oder "es scheint" ja die Einschätzung und Beurteilung des Verfassers bereits erkennbar macht und man daher auf den Konjunktiv I gleich ganz verzichten kann und zum Indikativ übergehen muss/sollte.

    Zusammenfassend: Es sieht so aus, als wäre er ein Professor. --->irrealer Vergleichssatz, Konj. II

    Es sieht so aus, als ist er ein Professor.
    ---> realer Vergleichssatz, Indikativ

    PS: Das Gleiche gilt auch für "als ob":

    Es scheint, als ob er krank ist. ---> realer Vergleichssatz

    Es sieht (nur) so aus, als ob er krank wäre. ---> irrealer Vergleichssatz

    PPS: Es gab mal einen Thread, in dem über das Weglassen des Konj. I nach Verben wie "vermuten" geschrieben wurde, den ich aber nicht mehr finde. Auch hier steht trotz indirekter Rede kein Konj. I, sondern der Indikativ, da durch das Verb die persönliche, subjektive Einschätzung bereits zum Ausdruck kommt.
     
    Last edited:

    Schimmelreiter

    Senior Member
    Deutsch
    als + Verberststellung und als ob + Verbletztstellung eignen sich allen Grammatiken zufolge nur für irreale Vergleichssätze. Die Frage kann höchstens sein, ob bei irrealen Vergleichssätzen etwas anderes als der K2 in Betracht kommt. Die Frage kann nicht sein, ob sich als + Verberststellung und als ob + Verbletztstellung für reale Vergleichssätze eignen.

    http://www.canoo.net/services/OnlineGrammar/Satz/Komplex/Funktion/Adverbial/Modal.html
     
    Last edited:

    ablativ

    Senior Member
    German(y)
    Der Duden schreibt zwar, dass bei irrealen Vergleichssätzen der Konj. 2 gebräuchlicher ist als der Konj. 1, lässt ihn (den K1) aber ausdrücklich zu:
    Du tust ja geradezu, als ob du zu gar nichts zu gebrauchen wär[e]st/sei[e]st.

    Auch cannoo sieht das so und erlaubt sogar - vor allem in der gesprochenen Sprache und sehr selten - den Indikativ:

    Seltener steht ohne Bedeutungsunterschied auch der Konjunktiv I:
    Sie schimpfen auf mich, wie wenn der Fehler meine Schuld sei.Ich fühlte mich, als ob die Sonne nur für mich scheine.Er sieht aus, als ob er die ganze Nacht nicht geschlafen habe.Sie stürzen sich aufs Büfett, als gebe es nie wieder etwas zu essen.

    Sehr selten (nicht bei als mit Verb an erster Stelle) kommt – vor allem in der gesprochenen Sprache – auch der Indikativ vor:
    [...]
    Er sieht aus, als ob er die ganze Nacht nicht geschlafen hat.

    Hat er nun im letzten Satz die ganze Nacht nicht geschlafen (also realiter) oder nicht (irreal)?

    Ebenso: Du siehst aus, wie jemand aussieht, der krank ist ---> du siehst aus, als ob du krank bist. Zumindest im alltäglichen Deutsch würde ich hier einen realen Vergleichssatz unterstellen.
     
    Last edited:

    Schimmelreiter

    Senior Member
    Deutsch
    Indem Du nun Duden & canoo ausschließlich zu irrealen Vergleichssätzen zitierst, bestätigst Du, dass sich
    als + Verberststellung und als ob + Verbletztstellung [...] nur für irreale Vergleichssätze
    eignen (und widersprichst Deinem Post #9).

    canoo schreibt:
    Seltener steht ohne Bedeutungsunterschied auch der Konjunktiv I: [...]
    Sehr selten (nicht bei als mit Verb an erster Stelle) kommt – vor allem in der gesprochenen Sprache – auch der Indikativ vor.
    http://www.canoo.net/services/OnlineGrammar/Wort/Verb/Modi/Komparativsatz.html

    Es handelt sich also ausschließlich und ohne Bedeutungsunterschied um irreale Vergleichssätze. Dass das Vorkommen - "seltener" - des K1 oder gar - "sehr selten", "vor allem in der gesprochenen Sprache" - des Indikativs erwähnt wird, mag das Bild deskriptiv vervollständigen, ändert für mich aber nichts an der Zweifelhaftigkeit des Gebrauchs von K1 oder gar Indikativ zum Ausdruck von Irrealität, da ja gegenüber dem K2 kein Bedeutungsunterschied eintritt und keineswegs ein realer Vergleichssatz entsteht.

    (Zu realen Vergleichssätzen: http://www.canoo.net/services/OnlineGrammar/Satz/Komplex/Funktion/Adverbial/Modal.html
    Er ist so groß, wie sein Vater es war./Er ist größer, als sein Vater es war.)


    Gänzlich schließt canoo den Indikativ bei als mit Verb an erster Stelle aus:
    Es sieht so aus, als ist er ein Professor. :cross:






    PS
    Es gab mal einen Thread, in dem über das Weglassen des Konj. I nach Verben wie "vermuten" geschrieben wurde, den ich aber nicht mehr finde. Auch hier steht trotz indirekter Rede kein Konj. I, sondern der Indikativ, da durch das Verb die persönliche, subjektive Einschätzung bereits zum Ausdruck kommt.
    ist genau jene Anwendung von die indirekte Rede betreffenden Überlegungen auf irreale Vergleichssätze, gegen die ich als unzulässige Analogie in #8 anzuschreiben versucht habe.
     
    Last edited:

    Hutschi

    Senior Member
    Bernd & ablativ, alle Grammatiken besagen, dass sowohl als (mit Verberststellung) als auch als ob (mit Verbletztstellung) irreale Vergleichssätze einleiten. ...

    Das bedeutet, dass es nicht in allen Fällen gilt, soweit ich die Formulierungen verstehe. Sonst würde hier stehen:
    alle Grammatiken besagen, dass sowohl als (mit Verberststellung) als auch als ob (mit Verbletztstellung) ausschließlich irreale Vergleichssätze einleiten.
     

    Schimmelreiter

    Senior Member
    Deutsch
    Genau das meinte ich: Alle Grammatiken besagen, dass sie ausschließlich irreale Vergleichssätze einleiten.

    Noch leichter kann ich's Gegnern meiner Argumentation wohl nicht machen: Sie brauchen bloß eine einzige Grammatik zu finden, die besagt, als + Verberststellung und/oder als ob + Verbletztstellung könne reale Vergleichssätze einleiten. :)
     

    ablativ

    Senior Member
    German(y)
    Ja, Es sieht so aus, als ist er ein Professor ist tatsächlich ungrammatisch, da gebe ich Dir recht. Mea culpa! Überhaupt ist mein Beitrag #8 zweifelhaft.

    Allerdings ändert das wenig an der Aussage, die von Duden und canoo bestätigt wird, dass in den in #1 vom Threadstarter angesprochenen Fällen neben dem am häufigsten verwendeten Konjunktiv II auch der Konj. I angewendet werden darf und angewendet wird. Das mag unlogisch sein, wie Du in #8 nicht nur "anzuschreiben versucht hast", sondern wie es Dir recht überzeugend gelungen ist. :) Ich bin ja nicht ganz so beratungsresistent und unbelehrbar, wie es vielleicht erscheint, es dauert nur manchmal etwas länger, bis ich mich in toto überzeugen lasse.

    Dass der Indikativ der Vervollständigung halber zumindest deskriptiv nicht unerwähnt bleibt, beruhigt mich dann doch auch ein wenig, weil andere wohl ein ähnliches Sprachgefühl zum Vergleichssatz haben wie ich.

    Noch eine Frage: Wenn jemand zu Dir sagen würde: "Herr Schimmelreiter, Sie sehen aus, als ob Sie krank sind", würde Dir das hinsichtlich Deines Gesundheitszustands zu denken geben, oder würdest Du diese Bemerkung als total irreal ansehen und ignorieren?

    PS: In der Literatur wird tatsächlich oft die Irrealität nach Verben wie "aussehen" und "scheinen" in Frage gestellt.
     
    Last edited:

    Schimmelreiter

    Senior Member
    Deutsch
    Wenn jemand zu Dir sagen würde: "Herr Schimmelreiter, Sie sehen aus, als ob Sie krank sind", würde Dir das hinsichtlich Deines Gesundheitszustands zu denken geben, oder würdest Du diese Bemerkung als total irreal ansehen und ignorieren?
    Mir wäre schon klar, dass es in schlechtem Deutsch real intendiert ist. Wenn ich gerade einen unrunden Tag habe, könnte mir ein arrogant-belehrendes Gott sei Dank nur als ob ​entkommen.

    In der Literatur wird tatsächlich oft die Irrealität nach Verben wie "aussehen" und "scheinen" in Frage gestellt.
    Ich weiß. Viele sagen/schreiben Es sieht aus, als ob es bald regnet(e)/regnen würde, obschon sie Es sieht nach Regen aus meinen. Nach aller Grammatik bedeutet ersteres aber Es sieht bloß aus, als ob es bald regnete/regnen würde. Wenn da Grammatik und Sprachgebrauch lang genug auseinanderlaufen, könnte erstere ja irgendwann nachziehen. Können wir uns darauf einigen, real - oder auch im Bernd'schen Sinne potentiell - intendierte irreale Vergleichssätze - ich gebe zu, mein "falsch" war etwas barsch - bis auf Weiteres als umgangssprachlich zu bezeichnen?
     
    Last edited:

    Hutschi

    Senior Member
    Er sieht so aus, als sei er ein Professor.

    Das verstehe ich als:

    Ich vermute, er ist Professor, denn er sieht aus wie ein Professor.

    Wo ist es irreal? Weil es nicht sicher ist?

    Ich verstehe nur noch Bahnhof.
    Wer hilft?

    Alternativ und kontextabhängig: er sieht nur so aus.


    Dann ist es identisch mit: Er sieht aus, als sei er kein Professor. Ein Januswort.
     
    Last edited:

    manfy

    Senior Member
    German - Austria
    Wo ist es irreal? Weil es nicht sicher ist?

    Ich verstehe nur noch Bahnhof.
    Wer hilft?

    Vorsicht beim Wort irreal ! Es vermittelt den Eindruck eines tatsächlichen irrealen Zustands.
    Der grammatikalische Irrealis aber beschreibt nicht nur tatsächliche Unmöglichkeiten und irreale Zustände, sondern auch unwahrscheinliche und als irreal oder unwahr geglaubte Zustände.
    Wenn man dieses Pferd also von der anderen Seite her aufzäumt, beschreibt der Irrealis somit auch unbestätigte Möglichkeiten - was logisch betrachtet nicht ganz falsch ist.

    Für mich, als regelmäßiger Anwender von Indikativ/K1/K2 in indirekter Rede zum Zwecke von Zustimmung/Neutralität/Ablehnung der wiedergegebenen Aussage, ist es nicht ganz verwunderlich, dass mir mein Sprachgefühl eine angelehnte Nuance vermittelt:

    Er sieht so aus, als sei er ein Professor. -> drückt eine 50/50% Chance aus; vielleicht ist er's, vielleicht auch nicht
    Er sieht so aus, als wäre er ein Professor. -> drückt aus, dass er wohl kein Prof ist, also klassischer Irrealis
    (Indikativ würde ich in dieser Wortstellung nie verwenden, sondern nur in der Form von "Er sieht aus wie ein Professor.")

    Dies wird zwar weder durch deskriptive und erst recht nicht durch präskriptive Grammatik bestätigt, aber Sprachgefühl hat eben sein eigenes internes Regelwerk! Ich finde dies nicht ganz abwegig.
     
    Last edited:

    berndf

    Moderator
    German (Germany)
    Damit widerspreche ich der Ansicht von "Belles Lettres":
    Tat­säch­lich drückt der Kon­junk­tiv 1 nie­mals aus, daß man etwas nicht genau weiß.
    Lustig. Genau an diesen Artikel habe ich denken müssen, als ich meinen Beitrag schrieb.

    Wir hatten in diesem Forum ja schon viele Fragen über die indirekte Rede und vor allem Unverständnis, warum man sich bei Selbstzitaten von eigenen Aussagen durch den Konjunktiv "distanziert". Ich habe das in diesen Threads immer dagegen argumentiert und es scheint mir auch bei Scholtens Analyse das Problem zu sein, dass der Potentialis im Deutschen immer versucht wird intensional zu fassen (Tat­säch­lich drückt der Kon­junk­tiv 1 nie­mals aus, daß man etwas nicht genau weiß). M.E. versteht man ihn bei extensionaler, aussagenlogischer Betrachtung besser: Der KI ist (abgesehen von den optativen und jussiven Verwendungen, die aber nur noch in erstarrten Redewendungen vorkommen und als Imperativ-Ersatz bei Anrede in der dritten Person) ein Marker, der ein Prädikat als nicht behauptet kennzeichnet. Es wird damit also eine Aussage nicht als selbst behauptet, sondern als Gegenstand einer Behauptung markiert. Der Wahrheitswert der Aussagen Ich sagte ich werde kommen und Es sieht so aus, als habe er recht hängen jeweils nicht davon ab, ob ich gekommen bin bzw. ob er recht hat, sondern nur davon, ob ich es sagte bzw. ob es so aussieht. Diese Interpretation des KI als Potentialis erklärt m.E. nicht nur befriedigend seine Verwendung in der indirekten Rede, sondern auch Sätze wie die hier diskutierten.
     

    Schimmelreiter

    Senior Member
    Deutsch
    Es sieht so aus, als habe er recht
    liest Du wohl de facto nicht als Vergleichssatz, sondern als indirekte Rede: Der Anschein besagt, er habe recht.

    Wie verhält es sich bei Er benimmt sich, als habe er recht? Dies scheint mir klar irreal zu sein.

    Hängt die Lesart also vom Hauptsatz ab? Und sind nicht Er benimmt sich, als habe er recht und Er benimmt sich, als hätte er recht gleichbedeutend?
     
    Last edited:

    Schimmelreiter

    Senior Member
    Deutsch
    Du sagst, dass der K I
    eine Aussage nicht als selbst behauptet, sondern als Gegenstand einer Behauptung markiert.
    Genau das ist indirekte Rede. Du liest als habe er recht als Gegenstand einer Behauptung​, mithin als indirekte Rede:
    Der Anschein besagt, er habe recht.
    Mithin ist die indirekte Rede der einzige
    Anwendungsfall des Potentialis
    im abhängigen Satz, da ja
    optative[.] und jussive[.] Verwendungen
    solche im Hauptsatz sind.


    Bleibt noch diese meine Frage:
    Wie verhält es sich bei Er benimmt sich, als habe er recht? Dies scheint mir klar irreal zu sein.

    Hängt die Lesart also vom Hauptsatz ab? Und sind nicht Er benimmt sich, als habe er recht und Er benimmt sich, als hätte er recht gleichbedeutend?
    Oder ist gar auch in Er benimmt sich, als habe er recht indirekte Rede am Werke? ​Er benimmt sich so, weil er glaubt, er habe recht.
     

    berndf

    Moderator
    German (Germany)
    Du sagst, dass der K IGenau das ist indirekte Rede.
    Nein, nicht genau das sondern unter anderem das. Indirekte Rede ist vielleicht die wichtigiste Anwendung aber nicht die einzige. Dies ist der Kern meiner Behauptung, und auch dass man die indirekte Rede besser mit dem Potentialis (in meiner Interpretation) erklären kann also umgekehrt.

    In der indirekten Rede behauptet man eine Aussage als ausgesprochen. Man kann aber auch noch weitere Aussagen über Aussagen machen, z.B. sie als plausibel zu behaupten (es sieht so aus, als habe er recht).
     
    Last edited:

    ablativ

    Senior Member
    German(y)
    plausibel in der Bedeutung von anscheinend, und dann mit K1,

    bzw. K2 in der Bedeutung von scheinbar - also irreal.
     
    Last edited:

    Hutschi

    Senior Member
    Wie verhält es sich bei Er benimmt sich, als habe er recht? Dies scheint mir klar irreal zu sein.

    Wieso ist es irreal? Ist das nicht kontextabhängig?

    Beispiel:

    Ich dachte, er hätte nicht recht. Er benimmt sich, als habe er recht. Jetzt zweifle ich daran. Ich denke, er hat doch recht. Zumindest ist er davon überzeugt.

    Der Duden gibt analog:
    http://www.duden.de/rechtschreibung/als_in_Vergleichen
    • er sah, als habe er nichts gehört, aus dem Fenster
    Ich verstehe das so: Er sah aus dem Fenster (und sah aus) wie jemand, der nichts gehört hat.

    Eventuell passen die lateinischen Begriffe "irrealis" usw. auch nicht richtig.
     
    Last edited:

    ABBA Stanza

    Senior Member
    English (UK)
    In der indirekten Rede behauptet man eine Aussage als ausgesprochen. Man kann aber auch noch weitere Aussagen über Aussagen machen, z.B. sie als plausibel zu behaupten (es sieht so aus, als habe er recht).
    Ist das allgemein akzeptiert? Meine bisherige Annahme war, dass

    "Es sieht so aus, als habe er recht" (semantisch) dem Satz

    "Es sieht so aus, als ob er recht hat"

    entspricht, nur das ersteres formell besser ist, da "als" (in diesem Kontext) sowie "als ob" eigentlich den Konjunktiv verlangen. Da der K1 aber für viele zu "hochgestochen" klingt, gewinnt der Indikativ immer mehr an Beliebtheit.

    Im Endeffekt ist die Plausibilität auch durch meine Ansicht gegeben (wenn A wie B aussieht, und keine Irrealität im Spiel ist, muss A plausibel sein ...), aber ich bin noch nicht 100% überzeugt von deinem Vergleich mit der indirekten Rede.

    Hoffentlich werde ich deine Antwort verstehen können. ;)

    Cheers
    Abba
     

    Hutschi

    Senior Member
    Ich stimme hier mit ABBA Stanza überein, möchte aber ergänzen:

    1) "Es sieht so aus, als habe er recht." (semantisch) den Sätzen

    2) "Es sieht so aus, als ob er recht hat."
    3) "Es sieht so aus, als ob er recht habe."

    "Da der K1 aber für viele zu "hochgestochen" klingt, gewinnt der Indikativ immer mehr an Beliebtheit." bezieht sich auf 2) und 3).


    Ich versteh nicht, wieso 1 und 3) falsch sein sollen.
     

    Hutschi

    Senior Member
    Genau das meinte ich: Alle Grammatiken besagen, dass sie ausschließlich irreale Vergleichssätze einleiten.

    Noch leichter kann ich's Gegnern meiner Argumentation wohl nicht machen: Sie brauchen bloß eine einzige Grammatik zu finden, die besagt, als + Verberststellung und/oder als ob + Verbletztstellung könne reale Vergleichssätze einleiten. :)

    https://books.google.de/books?id=es...#v=onepage&q=grammatik vergleichssatz&f=false
    Seite 175, Beispiel 51.

    Frederike Eggs: Die Grammatik von als und wie.

    Friederike Eggs weist darauf hin, dass es sich nicht um irreale, sondern eher um hypothetische Vergleichssätze handele. Nach meiner Interpretation umfasst hypothetisch real und irreal, jedenfalls nicht asuschließlich irreale Vergleichssätze.

    Sie weist andererseits auch darauf hin, dass selbst ein Vergleichssatz, der im Indikativ steht, kontrafaktisch sein könne.

    PS: Sollte ich es falsch interpretieren, ist das Buch trotzdem interessant, speziell im gegebenen Zusammenhang, da es ausführlich "als" und "wie" behandelt.
     
    Last edited:

    berndf

    Moderator
    German (Germany)
    Ist das allgemein akzeptiert? Meine bisherige Annahme war, dass

    "Es sieht so aus, als habe er recht" (semantisch) dem Satz

    "Es sieht so aus, als ob er recht hat"

    entspricht, nur das ersteres formell besser ist, da "als" (in diesem Kontext) sowie "als ob" eigentlich den Konjunktiv verlangen. Da der K1 aber für viele zu "hochgestochen" klingt, gewinnt der Indikativ immer mehr an Beliebtheit.

    Im Endeffekt ist die Plausibilität auch durch meine Ansicht gegeben (wenn A wie B aussieht, und keine Irrealität im Spiel ist, muss A plausibel sein ...), aber ich bin noch nicht 100% überzeugt von deinem Vergleich mit der indirekten Rede.

    Hoffentlich werde ich deine Antwort verstehen können. ;)

    Cheers
    Abba
    Ich seh da keinen Widerspruch. Die Markierung durch den K I ist optional, da die Modalität durch die Einleitung schon ausreichend ist. Das ist derselbe Grund, warum auch in der indirekten Rede die Markierung auf dem Rückzug ist, insbesondere bei Einleitung durch "dass".
     
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