Brauchen nicht zu + Infinitiv / müssen nicht + Infinitiv

Dieses Thema im Forum "Deutsch (German)" wurde erstellt von doubt70, 11. Dezember 2009.

  1. doubt70 New Member

    German
    Zur Verwendung von nicht müssen anstelle von nicht brauchen + zu+Inf.:

    In den Nachschlagewerken tauchen folgende drei Versionen auf:

    "Du brauchst morgen nicht zu arbeiten."
    "Du brauchst morgen nicht arbeiten."
    "Du musst morgen nicht arbeiten."

    Das hat unter uns KollegInnen eine heiße Diskussion darum entfacht, welche Version als gutes Deutsch angesehen wird bzw. ob die Version mit nicht müssen in der gegenwärtigen Deutschen Grammatik sowohl im mündlichen als auch schriftlichen Sprachgebrauch gleichberechtigt zulässig ist.

    Wer kann diese Frage mit aussagekräftigen Argumenten beantworten?
     
  2. Frank78

    Frank78 Senior Member

    Saxony-Anhalt
    German

    Ganz klarer Fall für mich.

    "Ich muss morgen nicht arbeiten." = Es besteht kein Zwang zu arbeiten
    "Ich brauch morgen nicht arbeiten" = Niemand hat es verlangt.

    Doch die meisten Sprecher verwenden es wohl synonym.
     
  3. doubt70 New Member

    German
    "Da sitz´ich nun, ich armer Tor, und bin so schlau als wie zuvor...."
     
  4. berndf Moderator

    Geneva
    German (Germany)
    Nach traditioneller Lehrmeinung ist der zweite Satz falsch, die anderen beiden aber in Ordnung.

    Eselsbrücke aus dem Deutschunterricht in der Schule: "Wer brauchen ohne zu gebraucht, braucht brauchen gar nicht zu gebrauchen."
     
  5. Derselbe Senior Member

    Deutsch, German, ドイツ語
    Der Kern der Diskussion ist, ob man brauchen als Modalverb auffassen kann. Grundsätzlich stehen nur Modalverben mit bloßem Infinitiv. Bei anderen Verben benötigt man den um zu erweiterten Infinitiv.

    Bislang geht die Lehrmeinung davon aus, dass es sich bei brauchen nicht um ein Modalverb handelt. Deshalb sei die Verwendung ohne zu falsch. In der Tat gibt es aber Tendenzen, dass sich brauchen irgendwann zu einem Modalverb entwickeln wird. Momentan ist man jedenfalls auf der sicheren Seite, wenn man es mit erweitertem Infinitiv verwendet.

    Zur Frage, ob müssen oder brauchen: Die Bedeutung von Worten ist ihr Gebrauch. Mit anderen Worten: Das bleibt dem persönlichen Geschmack überlassen.

    Edit:
    Dies ist Post #1000 :D
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. Dezember 2009
  6. berndf Moderator

    Geneva
    German (Germany)
    Ja, das ist der Kern der Frage.
    ... und Hilfsverben.
    Herzlichen Glückwunsch.
     
  7. Derselbe Senior Member

    Deutsch, German, ドイツ語
    Nur werden und auch nur wenn es zur Futurbildung verwendet wird. Ansonsten stehen Hilfsverben meines Wissens mit Partizipformen. Ansonsten fällt mir jetzt jedenfalls kein Fall ein, in dem sein oder haben mit Infinitiv stehen können.

    (Den modalen Infinitiv rechne ich nicht mehr zur Hilfsverbfunktion von sein und haben)
     
  8. doubt70 New Member

    German
    Der Kern der Frage war eigentlich nicht der Zweifel hinsichtlich der Notwendigkeit des "zu" im Gebrauch der Formulierung mit brauchen.

    Der Kern der Frage war, ob die Formulierung "Du musst morgen nicht kommen" neben der mit brauchen+zu+Infinitiv als ebenso salonfähig im schriftlichen Ausdruck akzeptiert werden kann oder ob die Formulierung mit brauchen+zu+Infinitiv noch immer als eine stilistisch bessere Wahl angesehen werden muss.
     
  9. Sowka

    Sowka Senior Member

    Hannover
    German, Northern Germany
    Hallo doubt70 :)

    Herzlich willkommen im Forum!

    Diese Frage ist hier schon einmal behandelt worden: Diskussionsfaden.

    Ich hoffe, das nützt Dir (hab's selbst noch nicht ganz durchgelesen). Meiner Meinung nach sind die Aussagen

    "Du brauchst morgen nicht zu arbeiten"
    und
    "Du musst morgen nicht arbeiten"
    synonym.
     
  10. Derselbe Senior Member

    Deutsch, German, ドイツ語
    Naja. In Deinem Post hast Du auch nach einer Bewertung der von Dir angegebenen zweiten Variante gefragt (Brauchen ohne zu). Zumindest diese kannst Du im deskriptiven Sprachverständnis mal als falsch abhaken.
    Vielleicht wäre es hilfreich, wenn Du uns kurz sagst, was die Gründe dafür sein könnten, müssen als nicht salonfähig zu betrachten. Meines Wissens ist müssen ein standardsprachlich akzeptiertes Wort der deutschen Sprache. Was spricht dagegen es verneint zu verwenden?

    Semi-OT
    Meine persönliche Meinung dazu:
    Es scheint manchen Menschen leider eine große Freude zu sein, die deutsche Sprache bis ins Letzte durchdogmatisieren zu wollen bis sie in der bürokratischen Eleganz eines Sprachgesetzbuchs erstrahlt (siehe Bastian Sick und dergleichen). Hierzu ergeht man sich dann in völlig ziellosen dogmatischen Diskussionen, verteufelt jede Veränderung seit der eigenen Schulzeit als ungehörigen Systembruch und konstruiert feinsinnige Unterschiede, die niemandem helfen und die in der Realität auch niemand befolgt; mit dem Vorteil, dass man sich dann maßlos darüber aufregen kann, dass die dummen Mitmenschen mit ihrer unbedachten Ausdrucksweise die glanzvolle Ästhetik stören.
    Differenzierungen und präzise Ausdrucksweise sind dann sinnvoll, wenn es einen Unterschied macht und dieser Unterschied auch verstanden wird. Solange es nur darum geht, irgendeine salonfähige heilige Kuh zu retten, halte ich es für überflüssig. Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der sich an "ich muss nicht arbeiten" gestört hätte. Und ehrlich gesagt, bin ich auch nicht scharf drauf.
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. Dezember 2009
  11. doubt70 New Member

    German
    Für mich ist der Gebrauch von nicht müssen (in Verbindung mit Notwendigkeit) auch absolut akzeptabel. Meine Kollegin jedoch beharrt darauf, dass diese Variante im schriftlichen Ausdruck dem brauchen+zu+Infinitiv nicht das Wasser reicht und DaF-Lernern beigebracht werden sollte, dass nicht müssen sozusagen schlechter schriftlicher Stil ist. Nun suche ich nach einem handfesten Argument, mit dem ich meinem Standpunkt Nachdruck verleihen kann, weil ich der Meinung bin, dass sich der Gebrauch von nicht müssen (wie im Beispielkontext) in den letzten Jahren so sehr üblich gemacht hat, dass selbst die Regel nicht brauchen+zu+Infinitiv dieser Entwicklung Platz einräumen muss.
    Das Gegenargument meiner Kollegin: Damit schadet man der Deutschen Sprache und trägt dazu bei, sie immer mehr einzuplätten. In Nachschlagewerken wie DUDEN oder auch Grammatiken (z.B. G Helbig, J Buscha) ist kein Kommentar dahingehend zu finden, ob dem Sprecher von der Variante nicht müssen aus stilistischen Gründen eher abzuraten ist.
     
  12. Derselbe Senior Member

    Deutsch, German, ドイツ語
    Ich finde wenn Deine Kollegin eine solche Behauptung aufstellt, sollte sie nach handfesten Argumenten suchen.
    Aber hier ein paar handfeste Argumente, die Deine Kollegin sicher überzeugen:
    1. drauszen muste der gast nicht bleiben, sondern meine thür thet ich dem wandrer auf. Hiob 31, 32
    2. wir sind die herren, und müssen dir nicht nachlaufen.
    Jer. 2, 31
    3. wenn ein so gemäszigter grad hitze die materie der körper ... auflöszt, so müssen sie (
    brauchen sie deshalb) nicht aus dem leichtesten stoffe bestehen. KANT 8, 287
    Alle nachgewiesen bei Grimm, Eintrag müssen Nr. 2c und 4b.
    Die Verwendung ist also nicht neu, sondern Jahrhunderte alt. Richtig ist, dass man nicht müssen früher zusätzlich noch so wie das englisch must not in der Bedeutung nicht dürfen verwenden konnte.
    (gott hat dem meer sein ziel gesatzt, er lässets wol wüthen und heftig mit den wellen umschlagen, .. aber gleichwol musz es uber das ufer nicht fahren. tischr. 2, 131) Das ist im Gegenwartsdeutsch so gut wie verschwunden.
    Zu diesem Argument siehe oben.
     
  13. doubt70 New Member

    German
    Vielen Dank für diese göttliche Erlösung!!!
     
  14. berndf Moderator

    Geneva
    German (Germany)
    Insbesondere ist sie älter als die Verwendung von brauchen in der heutigen Bedeutung nötig haben, diese ist erst seit dem 18. Jahrhundert belegt.:p
     
  15. doubt70 New Member

    German
    Vielen Dank noch einmal für die Hilfe. Ich habe die letzten beiden Kommentare schon ausgedruckt. Nun muss ich nur noch meine Bibel suchen und kann dank eurer Hilfe endlich am Montag schwarz auf weiß argumentieren.
    Bis bald!:)
     
  16. Derselbe Senior Member

    Deutsch, German, ドイツ語
    Zuletzt bearbeitet: 12. Dezember 2009
  17. doubt70 New Member

    German
    Danke für den Tipp, habe ich gerade nach Erhalt deines Posts getan und bin völlig überwältigt angesichts der (fast) unbegrenzten Möglichkeiten, die Internet&Co. uns bieten.:thumbsup:
     
  18. Sowka

    Sowka Senior Member

    Hannover
    German, Northern Germany
    Ich habe die sich ab Post #5 ergebende Diskussion, wie Modalverben und Hilfsverben mit Partizip oder (bloßem) Infinitiv verbunden seien, in einen neuen Thread verlagert.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Dezember 2009

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