Das Töchterchen hat ihr Brot aufgegessen. – Diskrepanz Genus Substantiv / Possessivpronomen

Sidjanga

Senior Member
German;southern tendencies
Hallo Leute.

Das Töchterchen hat die Milch ausgetrunken und ihr Brot aufgegessen.

Diesen Satz habe ich als Bespielsatz (für die Bildung des Perfekts) in einem Lehrwerk für Deutsch als Fremdsprache gelesen.

Klar ist, warum es zur fehlenden Übereinstimmung im grammatischen Genus zwischen das Töchterchen (Neutrum) und dem zugehörigen Possesivpronomen ihr gekommen ist: "Das Töchterchen" heißt Tania oder Julia oder Camilla, und sie hat eben ihr Brot aufgegessen.

Trotzdem klingt der Satz etwas seltsam.
Allerdings würde er mit sein statt ihr, zumindest meinem Empfinden nach, auch nicht wirklich besser klingen:

Das Töchterchen hat die Milch ausgetrunken und sein Brot aufgegessen.

Was meint ihr?
Sind beide Sätze korrekt, oder zumindest akzeptabel, oder doch nur einer?
Welche Version würdet ihr bevorzugen, und warum?


Grüße,
S
 
  • mkl

    Member
    spanish / Spain
    Hallo!

    Ich habe vor paar Jahre in der Uni die gleiche Frage gestellt. Ich hatte in der Zeit ein aehnliches Satz wie dieser gelesen:

    Das Maedchen war traurig, es ging ihm schlecht.

    Ich war sehr schokiert, aber meine Dozentin meinte es waere voellig korrekt. Du kannst beides benutzen (ihr - ihm)!
     

    Hutschi

    Senior Member
    Für mich stimmt nur:
    Das Töchterchen hat die Milch ausgetrunken und sein Brot aufgegessen.

    Das Mädchen oder das Töchterchen ist eindeutig sächlich und verlangt eine Form von es.

    Die zweite (nicht korrekte) Form breitet sich aber aus.

    Akzeptabel wäre für mich, wenn der Abstand größer wäre oder die Form durch einen Zwischenschritt vermittelt ist.

    Das Töchterchen Sabine hat die Milch ausgetrunken. Sabine geht hinaus. Sie hat ihr Brot aufgegessen.

    Wie von Dir geschrieben:

    Das Töchterchen heißt Tania, und sie hat eben ihr Brot aufgegessen.

    oder:

    Das Töchterchen heißt Tania, und es hat eben sein Brot aufgegessen.
     

    Henryk

    Senior Member
    Germany, German
    Klar ist, warum es zur fehlenden Übereinstimmung im grammatischen Genus zwischen das Töchterchen (Neutrum) und dem zugehörigen Possesivpronomen ihr gekommen ist: "Das Töchterchen" heißt Tania oder Julia oder Camilla, und sie hat eben ihr Brot aufgegessen.
    Die Begründung stimmt nicht. Hier wurde ein Nomen benutzt, also muss sich das Possessivpronomen auf das Genus des Nomens beziehen. Der Satz sagt aus, dass das Töchterchen das Brot der Milch getrunken hat.

    Das Töchterchen hat die Milch ausgetrunken und sein Brot aufgegessen.
    Der Satz ist grammatisch und semantisch richtig. Er klingt komisch, weil gerade das Possessivpronomen in solchen Sätzen nicht benutzt wird.

    Das Töchterchen hat die Milch ausgetrunken und das Brot aufgegessen.

    Wenn ich eine Pizza esse, sage ich ja auch nicht, dass es meine Pizza ist.

    ich war sehr schokiert, aber meine dozentin meinte es waere voellig korrekt. du kannst beides benutzen (ihr - ihm)!
    Nein, "ihr" ist Grammatikbruch.
     

    Hutschi

    Senior Member
    Wenn Possessivpronomen verwendet werden, dann normalerweise an beiden Stellen: Das Töchterchen hat seine Milch ausgetrunken und sein Brot aufgegessen.

    Mein Vater sagte zu mir: "Iss dein Brot auf!", selten "Iss das Brot auf!"
    Beide Formen sind möglich und korrekt.


    Der Suppenkaspar sagte: "Ich esse meine Suppe nicht!"
     

    Hutschi

    Senior Member
    PS: In folgendem Kontext kann "ihr" korrekt sein:

    Mutti ist etwas später nach Hause gekommen.
    Das Töchterchen hat die Milch ausgetrunken und ihr Brot aufgegessen.

    Ihr bezieht sich jetzt eindeutig auf Mutti. Es war Muttis Brot.
     

    Sidjanga

    Senior Member
    German;southern tendencies
    Vielen Dank an Alle für die Beiträge!
    Die Begründung stimmt nicht. Hier wurde ein Nomen benutzt, also muss sich das Possessivpronomen auf den Genus des Nomens beziehen. Der Satz sagt aus, dass das Töchterchen das Brot der Milch getrunken hat.
    Natürlich muss das Possesivpronomen für grammatische Korrektheit und aus rein grammatischer Perspektive mit dem Genus des entsprechenden Nomens übereinstimmen.
    Da man aber bei dem Substantiv Mädchen nun einmal an ein biologisch weibliches Wesen und vielleichr dessen/deren Namen usw. denkt, finde ich es keineswegs abwegig, dem Possesivpronomen einen Bezug auf ein (imaginäres) weibliches Substantiv geben zu wollen.

    Das heißt natürlich noch lange nicht, dass es deshalb "offiziell" grammatisch richtig ist; nachvollziehbar ist es aber eben doch.
    Wenn Possessivpronomen verwendet werden, dann normalerweise an beiden Stellen: Das Töchterchen hat seine Milch ausgetrunken und sein Brot aufgegessen.
    Guter Punkt.
    Auch dies trägt sicher dazu bei, dass der Satz seltsam klingt.
    Die zweite (nicht korrekte) Form breitet sich aber aus.
    Tatsächlich? Allgemein im deutschen Sprachraum?

    Grüße,
    S.
     

    Kajjo

    Senior Member
    Das Töchterchen hat die Milch ausgetrunken und ihr Brot aufgegessen.
    Das Töchterchen hat die Milch ausgetrunken und sein Brot aufgegessen.

    Der Konflikt zwischen Genus (grammatisches Geschlecht) und Sexus (natürliches Geschlecht) tritt im Deutschen immer wieder auf. Alle Deminutiva (-chen, -lein) sind sächlich und Wörter wie das Mädchen, das Weib sind ebenfalls Neutra. In all diesen Fällen fühlt man sich oft hin- und hergerissen zwischen Sexus und Genus.

    Im allgemeinen halten sich Muttersprachler intuitiv an die folgende Faustregel:

    Wenn der grammatische Bezug unmittelbar gegeben ist, also durch z.B. Kongruenz, durch Bezug (z.B. Relativpronomen), durch Auftreten im gleichen Satzteil oder sonstige starke örtliche Nähe im Satz, dann wird das korrekte Genus verwendet. Stehen die Pronomina entfernt oder gar in einem separaten Satz, so wird häufig der Sexus als maßgeblich angesehen.

    Dasjenige Mädchen, das am eifrigsten zugehört hatte...
    <keine Alternative: die wäre in beiden Fällen fatal falsch für jeden Muttersprachler>

    Wir haben Probleme mit unserem Töchterchen. Sie wird immer zickiger. <in neuen Sätzen oder getrennt empfundenen Satzteilen können vor allem Possessiv- und Personalpronomina wechseln und sich nach dem Sexus richten.>

    Mein Ratschlag wäre, in schriftlichen Dokumenten im Zweifelsfall das korrekte Genus zu verwenden -- das ist nie falsch. Wenn das natürliche Geschlecht jedoch in den Mittelpunkt der Gedanken rückt, können Possessiv- und Personalpronomina durchaus nach dem Sexus gewählt werden, und zwar umso eher, je weiter entfernt sie stehen.

    Kajjo
     

    Hutschi

    Senior Member
    Da man aber bei dem Substantiv Mädchen nun einmal an ein biologisch weibliches Wesen und vielleichr dessen/deren Namen usw. denkt, finde ich es keineswegs abwegig, dem Possesivpronomen einen Bezug auf ein (imaginäres) weibliches Substantiv geben zu wollen ...
    Das ist ein Grund, dass sich die Form ausbreitet. Laut Duden, "Richtiges und gutes Deutsch", 2007, ist sie bereits zulässig, wenn der Abstand zwischen den beiden Formen groß genug ist (das ist kein wörtliches Zitat sondern gibt ausschnittsweise den Inhalt wieder, ich sehe gerade, Kajjo hat das genauer erläutert, wie es zu verstehen ist). Oft wird die Form aber in der Umgangssprache auch so verwendet und dringt auch in die Schriftsprache ein. Ob es mit dem Feminismus zu tun hat, weiß ich nicht genau.
     

    Sidjanga

    Senior Member
    German;southern tendencies
    Herzlichen Dank an Alle, besonders an Hutschi un Kajjo für die äußerst fachkundigen Beiträge!

    Danke auch, Suilan, für die Links.

    Grüße!
     
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