Der Zug hätte nach Wien fahren sollen

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nefs

Member
Czech
Hallo! Mich beschäftigt schon lange die Verwendung der Formen "sollte" (Präteritum) und "hätte ... sollen". Könntet ihr mir bitte mit diesen drei Situation helfen?

Situation 1) Ein von Linz nach Wien fahrender Zug ist entgleist. Wie wird diese Situation im Fernsehen kommentiert?
a) Der Zug hätte nach Wien fahren sollen.
b) Der Zug sollte nach Wien fahren.
c) geht beides (Gibt es dann einen inhaltlichen Unterschied?)

Situation 2) Ich habe mich mit meinem Freund zu einer Schlägerei verabredet. Wir haben abgemacht, dass ich gewinne, weil ich meine Freundin beeindrucken will. Er hat unsere Verabredung jedoch vergessen und mich bewusstlos geschlagen. Was soll ich ihm sagen?
a) Ich sollte gewinnen!
b) Ich hätte gewinnen sollen!
b) geht beides (Gibt es einen inhaltlichen Unterschied?)

Situation 3) Ich diskutiere mit einem Fachmann über einen Flugunfall. Der Pilot ist gestorben, weil er im Flugzeug geblieben ist, statt sich mit einem Fallschirm zu retten. Wie sollte unsere Konversation aussehen?
a) Hätte der Pilot nicht springen können? - Ja, hätte er. Aber er hätte nicht springen dürfen.
b) Konnte der Pilot nicht springen? - Ja, er konnte. Aber er durfte nicht.
c) geht beides (Gibt es einen inhaltlichen Unterschied?)

Vielen Dank!
 
  • Frieder

    Senior Member
    In allen Beispielen sind jeweil a und b richtig und es gibt einen inhaltlichen Unterschied.
    a) Der Zug hätte nach Wien fahren sollen.
    b) Der Zug sollte nach Wien fahren.
    a) zeigt an, dass er tatsächlich nicht angekommen ist. Er hätte fahren sollen, ist aber tatsächlich nicht angekommen.
    b) sagt lediglich aus, dass der Zug nach Fahrplan fahren sollte und dem zunächst nichts im Wege stand.

    Analog ist es bei Nr. 2: Die Konjunktiv-Formulierung beinhaltet, dass etwas nicht eingetreten ist, während die andere lediglich den Plan beschreibt.

    In Beispiel 3 geht es nicht um sollen, sondern um können/dürfen. Hier ist die Lage etwas anders.

    Konnte der Pilot nicht springen?
    fragt nur danach, ob es dem Pilot möglich gewesen sei, zu springen.


    Hätte der Pilot nicht springen können?
    fragt danch, warum der Pilot nicht gesprungen sei – dass er die Möglichkeit hatte, liegt auf der Hand.

    Ja, hätte er. Aber er hätte nicht springen dürfen.
    ... ist hier im Prinzip die falsche Antwort. Hier müsste es heißen: „Ja, aber er durfte nicht”.
    „Er hätte nicht springen dürfen” bedeutet, dass er es getan hat, obwohl er es nicht durfte.
     

    JClaudeK

    Senior Member
    Français France, Deutsch (SW-Dtl.)
    1) a) Der Zug hätte nach Wien fahren sollen.

    2) b) Ich hätte gewinnen sollen!

    Situation 3) Ich diskutiere mit einem Fachmann über einen Flugunfall. Der Pilot ist gestorben, weil er im Flugzeug geblieben ist, statt sich mit einem Fallschirm zu retten. Wie sollte unsere Konversation aussehen?
    a) Hätte der Pilot nicht springen können? - Ja Doch, hätte er. Aber er hätte nicht springen dürfen. (Aber er hat nicht springen dürfen.) => Aber er durfte/ wollte nicht.
    b) Konnte der Pilot nicht springen? - Ja Doch, er konnte./ Er hätte springen können. Aber er durfte/ wollte nicht.
    beides geht

    Mich beschäftigt schon lange die Verwendung der Formen "sollte" (Präteritum) und "hätte ... sollen".
    "sollte" ist nicht nur Präteritum (Indikativ), sondern auch Präteritum Konjunktiv II


    In allen Fällen (a + b) gilt:
    Mit dem Konjunktiv II verlassen wir die reale Welt und widmen uns der irrealen Welt. Die irreale Welt ist das Reich der Phantasien, der Vorstellungen, der Wünsche, der Träume, der irrealen Bedingungen und Vergleiche,[....] Diese gedachten, angenommenen oder möglichen Sachverhalte, die nicht real sind und nicht existieren, werden mit dem Konjunktiv II gebildet.
    Konjunktiv II - mein-deutschbuch.de

    Edit:
    Gleichzeitig mit Frieder gepostet.
     
    Last edited:

    JClaudeK

    Senior Member
    Français France, Deutsch (SW-Dtl.)
    In allen Beispielen sind jeweils a und b richtig und es gibt einen inhaltlichen Unterschied.
    m.M.n. nicht, wenn man den dazu gegebenen Kontext betrachtet.
    "falsch" sind 1b) und 2a) nicht, aber (m.E.) nicht angemessen.
    b) sagt lediglich aus, dass der Zug nach Fahrplan fahren sollte und dem zunächst nichts im Wege stand.

    Analog ist es bei Nr. 2: Die Konjunktiv-Formulierung beinhaltet, dass etwas nicht eingetreten ist, während die andere lediglich den Plan beschreibt.
    Aber der Bericht erfolgt ja im Nachhinein: jetzt nach dem Unglück ist die Möglichkeit endgültig ausgeschlossen (und das ist zu bedauern)/ ist es schiefgegangen und der Plan ist gescheitert.
     
    Last edited:

    nefs

    Member
    Czech
    Danke für eure Antworten. Ich habe noch eine Zusatzfrage. Könnte Situation 1) auch mit "Der Zug ist nach Wien gefahren" kommentiert werden? Der Zug ist ja tatsächlich eine Zeitlang nach (also Richtung) Wien gefahren, halt nicht ganz BIS Wien.
    Alle Situation kommen übrigens aus einem Lehrbuch, wo als korrekt jeweils Antwort a) angegeben wird. Es freut mich zu sehen, dass es doch nicht ganz so eindeutig ist. Interessant finde ich auch die Korrektur von "Ja, hätte er" zu "Doch, hätte er". Ist diese wirklich nötig?
     

    JClaudeK

    Senior Member
    Français France, Deutsch (SW-Dtl.)
    Interessant finde ich auch die Korrektur von "Ja, hätte er" zu "Doch, hätte er". Ist diese wirklich nötig?
    Normalerweise ist die Antwort auf eine verneinte Frage (wenn die Antwort positiv ist) Doch, ....
    Hätte der Pilot nicht springen können? - Ja, Doch, hätte er.
    Hast du keine Lust mitzukommen? - Doch(, habe ich).


    Könnte Situation 1) auch mit "Der Zug ist nach Wien gefahren" kommentiert werden?
    Nein, allenfalls "Der Zug fuhr nach Wien."
     
    Last edited:

    Kajjo

    Senior Member
    Wie wird diese Situation im Fernsehen kommentiert?
    a) Der Zug hätte nach Wien fahren sollen.
    b) Der Zug sollte nach Wien fahren.
    Das Problem bei Fragen mit vorgegebenen Antworten ist immer wieder dasselbe: Oftmals sind alle vorgegebenen Antworten nicht idiomatisch und daher keine wirklich passende Antwort unsererseits möglich. In deutschen Nachrichten wirst du niemals (a) oder (b) lesen, weil es so einfach niemand ausdrückt, ja nicht mal umgangssprachlich würde man zu solchen Konstrukten neigen. "Hätte" und "sollen" passen hier einfach nicht zur Situation.

    Auf der Strecke Wien - Linz ist heute am frühen Nachmittag ein Zug entgleist.

    Der Interregio 3745 Wien-Linz mit der planmäßigen Ankunftszeit 12:37 entgleiste kurz vor Amstetten.


    "sollte" (Präteritum) und "hätte ... sollen"
    Du schreibst es doch schon selbst: Präteritum vs. Konjunktiv II. Genau das ist der wesentlich inhaltliche Unterschied. "Hätte sollen" drückt hier einen Irrealis aus ("sie hätten sollen, aber sie taten es nicht"), während "sollten" einfach Vergangenheit von "sollen" ist (meistens: müssen/dürfen).

    canoonet - Verb: Modalverb: sollen
     

    nefs

    Member
    Czech
    Ich könnte also "Der Zug fuhr nach Wien", aber nicht "Der Zug ist nach Wien gefahren" verwenden. Warum ist das so?

    Ich nehme mal an, weil die Handlung nicht abgeschlossen ist. Auf der anderen Seite reicht die Bedeutung der Aktion bis zur Gegenwart (Da der Zug nach Wien gefahren ist, sprechen wir jetzt darüber) und in diesem Fall soll man ja Perfekt verwenden.
     

    Hutschi

    Senior Member
    2b) bedeutet im Zusammenhang: Eigentlich hättest du mich gewinnen lassen müssen.
    1a) könnte auch bedeuten, es wäre besser gewesen, wenn er nach Wien gefahren wäre. Das wird aber durch den Kontext ausgeschlossen.

    Ich empfinde all die Formen bei 1 und 2 nicht als unidiomatisch,
    Welche ich verwenden würde, hängt aber vom genaueren Kontext ab.
    Intuitiv ohne zusätzlichen Kontext würde ich verwenden: 1a) Eigentlich war vorgesehen, dass der Zug nach Wien fährt.
    2b) Eigentlich wolltest du mich gewinnen lassen.

    Hier habe ich die Bedeutung angegeben, wie ich sie verstehe.
    Bei 3. stimme ich Kajjo zu.
    3. ich würde eine Mischung verwenden. Ja, das hätte er, aber er durfte nicht.
     

    Pflaenzchen

    Member
    German
    Ich könnte also "Der Zug fuhr nach Wien", aber nicht "Der Zug ist nach Wien gefahren" verwenden. Warum ist das so?
    In Deinem Beispiel kann man das beides nicht sagen. "Nach Wien" impliziert in Wien ankommen. Man kann sagen "fuhr Richtung Wien" und "ist Richtung Wien gefahren". In den Nachrichten z.B. "der Zug fuhr Richtung Wien, als..." - wahrscheinlicher ist aber in den Nachrichten "auf der Strecke von... nach... / zwischen... und... entgleiste.../ ereignete sich das Unglück..." - ganz ohne das Verb "fahren".


    Konkret zu Deiner Eingangsfrage:

    1. c ist richtig
    Was auch immer Euch dazu gelehrt wird, in der Realität werden diese beiden Sätze als gleichbedeutend, gleich richtig empfunden und angewandt; könnten auch beide so in den Nachrichten zu hören sein. In Deutschland jedenfalls, ob das für Österreich genauso gilt, weiß ich leider nicht.

    2. b ist richtig. NUR b.

    3. keine der drei vorgegeben Antworten ist richtig, genau wie es die VorposterInnen schon dargelegt haben.



    Off topic: Ich finde das ganz seltsam, daß in Deutschlehrbüchern "ja" statt "doch" steht. daß Lernende aus Sprachen, bei denen es für diese beiden verschiedenen Bedeutungen (einmal Zustimmung, einmal, 'deutschem Gefühl nach', Widerspruch!!) nur ein Wort gibt, damit Schwierigkeiten haben, verstehe ich gut - aber daß es falsch gelehrt wird hätte ich nicht erwartet.
     
    Last edited:

    Hutschi

    Senior Member
    a1) Hätte der Pilot nicht springen können? - Doch, hätte er.
    Wenn man "nicht" als Negation auffasst, nur so.

    a2) Hätte der Pilot nicht springen können? - Ja, hätte er.
    Wenn man "nicht" nicht als Negation auffasst, sondern als bekräftigendes Partikel, geht das vielleicht umgangssprachlich.

    Pragmatisch sind die beiden Formen fast gleich.
    Hätte der Pilot nicht springen können? (impliziert, ich denke, er konnte springen.) = Hätte der Pilot springen können? (einfache Frage)
     

    JClaudeK

    Senior Member
    Français France, Deutsch (SW-Dtl.)
    In Deinem Beispiel (fuhr nach Wien / ist nach Wien gefahren) kann man das beides nicht sagen.

    "Nach Wien" impliziert in Wien ankommen.
    Für mich nicht!

    In den Nachrichten z.B. "der Zug fuhr Richtung Wien, als..."
    Auch "der Zug fuhr nach Wien, als er plötzlich entgleiste" ist möglich - nicht nur ".... (in) Richtung ...." .
    Duden nach
    1. bezeichnet eine bestimmte Richtung
    2. bezeichnet ein bestimmtes Ziel
    Auch ohne "(in) Richtung .... , als... " versteht man, dass der Zug nie angekommen ist.
     
    Last edited:

    Hutschi

    Senior Member
    Und wenn das Pronomen "ich" betont wäre? Also "ICH sollte gewinnen!" Auch dann ginge a) nicht?
    Ich denke, das funktioniert.
    Ebenso, wie "Ich sollte das bekommen." Mit betontem "ich". Ich hatte es auch so verstanden. Man kann noch "doch" einfügen, dann wird es deutlicher. "Ich sollte doch gewinnen."

    Auch in b) Ich hätte gewinnen sollen! wird ja "ich" betont.
     

    Schlabberlatz

    Senior Member
    German - Germany
    aber daß es falsch gelehrt wird hätte ich nicht erwartet.
    Wenn man "nicht" nicht als Negation auffasst, sondern als bekräftigendes Partikel, geht das vielleicht umgangssprachlich.
    #7 war wohl zu knapp. Also noch mal ausführlicher:
    Spezialfall: Vergewisserungsfrage mit nicht
    Dies gilt nicht, wenn nicht keine Verneinung ist, sondern eine Frage nach Bestätigung ausdrückt. […]
    Bestätigung und Verneinung werden gleich ausgedrückt wie bei einer positiven Frage:
    Vergewisserungsfrage Antwort
    Hat sie nicht gut gesungen? Ja (sie hat gut gesungen). = Bestätigung
    Nein (sie hat nicht gut gesungen). = Verneinung
    canoonet - Satzarten: Fragesatz: Entscheidungsfrage
     

    Kajjo

    Senior Member
    Bei "der Zug fuhr nach Wien, als er plötzlich entgleiste" ist völlig klar, dass er Richtung Wien fuhr und dort nicht ankam. Ich verstehe hier das Problem nicht.
    Es ist eine stark vereinfachte Ausdrucksweise, die in Nachrichten so nie verwendet werden würde. Selbst für Umgangssprache ist so eine Ausdrucksweise grenzwertig vereinfachend. Grammatisch korrekt und standardsprachlich ist das natürlich, aber inhaltlich eben stark fragwürdig. Gerade bei Unfällen wie Entgleisungen würde man sich doch wohl korrekt ausdrücken.
     

    Hutschi

    Senior Member
    Danke für die Erklärung, Kajjo.
    Ich denke, es hängt von der Gegend und vom Sender bzw. der Zeitung ab, auch davon, ob es eine Zeitung, eine Reportage oder ein Bericht ist.
    Viele Grüße von Bernd
     

    berndf

    Moderator
    German (Germany)
    Es geht um die Behauptung
    die ich schlicht und einfach für falsch halte.
    In dem Kontext des von Dir zitierten Beitarags aber schon. Zusammen mit dem Perfekt oder Präteritum Indikativ des Verbs fahren ist die Aussage richtig. Und mehr hat er/sie auch nicht behauptet.

    Insbesondere die Perfektform Der Zug ist nach Wien gefahren (im Präteritum könnte man eventuell noch diskutieren) würde man nie so benutzen, wenn der Zug dort nicht auch angekommen wäre.
     

    JClaudeK

    Senior Member
    Français France, Deutsch (SW-Dtl.)
    im Präteritum könnte man eventuell noch diskutieren
    Genau das meinte ich mit
    Könnte Situation 1) auch mit "Der Zug ist nach Wien gefahren" kommentiert werden?
    Nein, allenfalls "Der Zug fuhr nach Wien." #6
    Damit sind wir schon bei nefs Frage:
    Ich könnte also "Der Zug fuhr nach Wien", aber nicht "Der Zug ist nach Wien gefahren" verwenden. Warum ist das so?
    Vielleicht kannst du da helfen, berndf?
     

    berndf

    Moderator
    German (Germany)
    Vielleicht kannst du da helfen, berndf?
    Im Präsens bedeutet Der Zug fährt nach Wien tatsächlich nicht notwendig, dass er dort auch ankommen wird, das kann man ja nicht wissen. Nun ist Präteritum die bevorzugte Erzählzeit, um Ereignisse aus der jetzt-Zeitperspektive der Akteure zu beschreiben. Beispiel: Von den Gleis, an dem er stand, sollte laut Fahrplan der Zug nach Linz fahren. Nach der Fahrtrichtungsanzeige fuhr der Zug, der dort stand, aber nach Wien.
     

    Hutschi

    Senior Member
    Wer hat denn behauptet, dass das in der Presse/ im Radio usw. zu lesen/ zu hören sei?
    ...
    #1
    Situation 1) Ein von Linz nach Wien fahrender Zug ist entgleist. Wie wird diese Situation im Fernsehen kommentiert?
    a) Der Zug hätte nach Wien fahren sollen.
    b) Der Zug sollte nach Wien fahren.
    c) geht beides (Gibt es dann einen inhaltlichen Unterschied?)
    Das war die eigentliche Frage. An ihr sollten wir uns orientieren.

    ---
    Der Zug fuhr nach Wien, kam aber nicht an. Bei "Der Zug fuhr nach Wien, ist aber entgleist." (Der Zug war auf der Fahrt nach Wien.)
    Der Zug ist nach Wien gefahren. (Das impliziert, dass er angekommen ist.)
    Der Zug ist Richtung Wien gefahren. (Es ist hier unklar, ob er abgekommen ist.)

    a) Der Zug hätte nach Wien fahren sollen. = c) Es war vorgesehen, dass er nach Wien fährt.

    b) Der Zug sollte nach Wien fahren. = c) Es war vorgesehen, dass er nach Wien fährt.

    Wegen a=c und b=c gilt a=b

    (Zeitformen habe ich dabei vernachlässigt. Auch dass in a) schon das Scheitern der Fahrt angedeutet wird.)
     
    Last edited:

    Hutschi

    Senior Member
    Ich denke immer noch, es hängt von der Stilebene ab. Ich weiß ja, dass es Mode wird, die Sprache mehr und mehr zu mathematisieren.
    Aber wenn ein Zug von Dresden nach Wien fährt, ist er noch nicht angekommen, wenn er in Leipzig ist. Ich sehe nicht, was falsch daran ist. In einem Buch, das hochgestochene Sprache verwendet, würde vielleicht "mit Ziel" geschrieben werden.
    Mit Ziel=mit Richtung=nach - ich sehe hier keinen wesentlichen Unterschied. Der Verfasser des Übungsbuches offenbar auch nicht.

    "Gutes Deutsch" - ist eine Bezeichnung zur sozialen Abgrenzung. Ich gehe von der aktuellen Verwendung aus, nicht von der "gebildeten" Sprache. Natürlich abhängig vom Kontext.
     

    berndf

    Moderator
    German (Germany)
    Aber wenn ein Zug von Dresden nach Wien fährt, ist er noch nicht angekommen, wenn er in Leipzig ist.
    Und das ist genau der entscheidende Unterschied, warum Ein von Linz nach Wien fahrender Zug ist entgleist genau nicht geht, wie wir versucht haben klar zu machen. Wenn er entgleist ist, dann kommt er auch nicht mehr an und dann ist er auch kein Zug "nach Wien" mehr.

    Was allenfalls noch ginge, wäre so etwas: Der Nachtzug nach Wien ist entgleist, weil Nachtzug nach Wien als feststehender Ausdruck aufgefasst werden kann.
     
    Last edited:

    Hutschi

    Senior Member
    Wenn er entgleist ist, dann kommt er auch nicht mehr an und dann ist er auch kein Zug "nach Wien" mehr.
    Ich verstehe "nach" hier anders. Aber wir haben unsere Übereinstimmungen und Differenzen ausführlich erklärt, Es ist zwar kein "nach Wien fahrender Zug" mehr. Aber ein "Zug nach Wien" ist er immer noch.

    Ich verstehe wahrscheinlich den Originalsatz anders.

    Man merkt, wie ich den Satz verstehe, wenn ich ihn etwas erweitere:
    Der nach Wien fahrende Zug ist, während er nach Wien fuhr, entgleist. (Bis er entgleist ist, fuhr er nach Wien, hinterher natürlich nicht mehr.)
     

    nefs

    Member
    Czech
    Situation 3) orientiert sich an einem Interview in einer deutschen Zeitschrift. Jezt habe ich die vollständige Fassung des Interviews. Hier ist der betreffende Abschnitt:

    Zeitschrift: Sie waren als Rennfahrer für sich allein verantwortlich, nun müssen Sie mit dem Tod von 223 Passagieren fertig werden. (...)
    (...)
    Zeitschrift: Erste kritische Stimmen fragen (nachdem das Protokoll über die letzten Minuten der "Mozart bekanntgeworden ist): Hätte der Pilot das linke Triebwerk nicht abschalten können, als das Warnlicht blinkte?
    Niki Lauda: Ja. Hätte er können. Aber er hätte nicht dürfen.
    Zeitschrift: Weil es so in der Checkliste steht?
    Niki Lauda: Korrekt.

    Haltet ihr die fettgedruckte Form auch in diesem Kontext für falsch?

    ____________________________________________________________________________

    Und noch kurz zum Satz "Ein von Linz nach Wien fahrender Zug ist entleist"

    Wenn ich es richtig verstehe, geht es um die Präposition "nach" verbunden mit der Tasache, dass der Zug nicht ankommt.

    Man könnte also sagen "Ein von Linz nach Wien fahrender Zug musste an der Grenze 20 Minuten warten", richtig?

    Und da "nach" vergleichbar mit "in + Artikel" ist, wäre auch der Satz "Ein von Österreich in die Schweiz fahrender Zug ist entgleist" falsch, ja?
     
    Last edited:

    nefs

    Member
    Czech
    Es ist umgangssprachlich verkürzt, und ich halte es für völlig idiomatisch. Ob es grammatisch „gutes“ Deutsch ist, weiß ich nicht.
    Als ich den Satz in einem anderen Kontext präsentiert habe, wurde hier "Aber er durfte nicht" vorgeschlagen.
     

    Schlabberlatz

    Senior Member
    German - Germany
    Es ist umgangssprachlich verkürzt,
    Genau. „Aber er hätte [das linke Triebwerk] nicht [abschalten] dürfen.“
    Als ich den Satz in einem anderen Kontext präsentiert habe, wurde hier "Aber er durfte nicht" vorgeschlagen.
    Das ist auch wirklich die bessere Formulierung.
    Ein von Linz nach Wien fahrender Zug ist entgleist.
    Man merkt, wie ich den Satz verstehe, wenn ich ihn etwas erweitere:
    Der nach Wien fahrende Zug ist, während er nach Wien fuhr, entgleist. (Bis er entgleist ist, fuhr er nach Wien, hinterher natürlich nicht mehr.)
    Ich halte den Satz ebenfalls für unproblematisch. Von #2 bis #12 haben fünf Muttersprachler geantwortet, ohne an diesem Satz (aus #1, wohlgemerkt) Anstoß zu nehmen. Darf man das nicht als Indiz dafür auffassen, dass hier kein Fehler vorliegt? Oder wenn, dann höchstens ein stilistischer Fehler?

    Ich sehe gerade, bei genauerem Nachschauen, dass auch Pflaenzchen nur die anderen Sätze kritisiert hat. Das macht dann bis einschließlich #26 sieben Muttersprachler, die den Satz (zunächst) nicht kritisiert haben. (Man korrigiere mich, wenn ich hier durcheinander gekommen sein sollte; ich habe jetzt nicht den ganzen Thread Wort für Wort erneut durchgelesen.)
    Ich könnte also "Der Zug fuhr nach Wien", aber nicht "Der Zug ist nach Wien gefahren" verwenden. Warum ist das so?

    Ich nehme mal an, weil die Handlung nicht abgeschlossen ist. Auf der anderen Seite reicht die Bedeutung der Aktion bis zur Gegenwart (Da der Zug nach Wien gefahren ist, sprechen wir jetzt darüber) und in diesem Fall soll man ja Perfekt verwenden.
    Eben nicht! Das deutsche Perfekt und das englische ›present perfect‹, das sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe.
    Präteritum vs. Perfekt (Bewerbung, Anschreiben)

    Linksammlung:
    Has your degree been useful? (tense)

    Zum gleichen Thema (
    Damit sind wir schon bei nefs Frage:
    Vielleicht kannst du da helfen, berndf?
    )
    – als Ergänzung zu Bernds Beitrag –
    :
    […] aber man benutzt das Präteritum für das Schriftliche, das Perfekt hingegen für das Mündliche.
    Das Präteritum ist außerdem eine Verlaufsform, während das Perfekt andeutet, dass die Handlung schon beendet ist. Lies dir einmal die folgenden Sätze durch:

    Präteritum: Ceragon schlich sich näher an den feindlichen Drachen, bis der Rauch aus den Nüstern des schlafenden Ungeheuers seine Hand streifte.

    Perfekt: Ceragon hat sich näher an den feindlichen Drachen angeschlichen, bis der Rauch aus den Nüstern des schlafenden Ungeheuers seine Hand gestreift hat.

    Was ist der Unterschied? Der zweite Satz im Perfekt klingt, als hätte ihn jemand gesagt, der schon weiß, wie die Geschichte ausgeht. Null Spannung. […]
    • Schreibwerkstatt.de
     
    Last edited:

    Frieder

    Senior Member
    Hätte der Pilot das linke Triebwerk nicht abschalten können, als das Warnlicht blinkte?
    Niki Lauda: Ja. Hätte er können. Aber er hätte nicht dürfen.
    Du kannst nicht erwarten, dass ein Niki Lauda druckreifes Standard-Deutsch spricht (erst recht nicht in dieser Situation). Den Umständen entsprechend hätte die Antwort lauten müssen: „Ja, hätte er gekonnt. Aber er durfte nicht.” Aber ich denke, dass jeder verstanden hat, was er meinte.
     

    Hutschi

    Senior Member
    Ja. Hätte er können. Aber er hätte nicht dürfen.

    Ich denke, das ist in dieser Form eine mündlich relativ oft verwendete Form, beachte dazu die Parallelstruktur. Sie enthält ein Augenzwinkern und eine leichte Ironie bzw. manchmal auch eine Distanzierung.

    Es gibt dazu noch eine andere umgangssprachliche relativ feste Wendung:
    Ja, können hätte er können, aber dürfen durfte er nicht.

    Hätte er können. Aber er hätte nicht dürfen.
    ist eine Variante davon.
     
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