Gebrauch von Ausrufezeichen

Discussion in 'Deutsch (German)' started by magnus, Dec 12, 2007.

  1. magnus Senior Member

    Marburg, Germany (temp.)
    Norwegian (Scandinavian), Norway
    Hallo,

    verwendet man in Deutschland das Ausrufezeichen etwas großzügiger als in anderen Ländern? Sollen im Prinzip alle Imperativsätze damit enden?

    Dies habe ich an der Universität hier in Deutschland bemerkt - z.B. in Aufgabentexten: "Interpretieren Sie das Gedicht!". Auch im übrigen öffentlichen Verkehr kommt es oft vor.

    In Norwegen (wie auch im englischsprachigen Raum?) ist das eher nicht der Fall. Dort werden Ausrufezeichen auch in Imperativsätzen verwendet, aber dann häufiger in informelleren Zusammenhängen. Die Betonung, die durch den Gebrauch von einem Ausrufezeichen zustande kommt, gilt, wenn nicht gerade als zornig, auf jeden Fall als harsch und unhöflich. Mann stelle sich etwa einen Befehl vor.

    Ich gehe wegen seines häufigen Gebrauchs im deutschsprachigen Raum davon aus, dass es hier nicht so streng empfunden wird?
     
  2. elroy

    elroy Sharp-heeled Mod

    Chicago, IL
    US English/Palestinian Arabic bilingual
    Deine Vermutungen würde ich aufgrund meiner eigenen Beobachtungen hier in Deutschland bestätigen.

    Mir kommt der weitgehende Gebrauch des Ausrufezeichens in Deutschland nicht nur bei Imperativsätzen sondern auch in anderen Zusammenhängen auch manchmal komisch vor, aber ich habe mich daran einigermaßen gewöhnt, sodass er mir nicht mehr so oft sonderlich auffällt (wobei ich gestehen muss, dass ich Deinen Beispielsatz mit dem Gedicht auf Anhieb schon als gebieterisch empfunden habe).
     
  3. SaiH Senior Member

    Deutsch/Österreich
    Im Deutschen ist das Ausrufezeichen bei Aufforderungen ganz normal. Das der Satz "Interpretieren Sie das Gedicht!" etwas barsch klingt, liegt glaube ich eher daran, dass er so knapp (und ohne bitte) formuliert ist. "Interpretieren Sie bitte das Gedicht!" oder "Lesen und interpretieren Sie das folgende Gedicht!" klingt schon ganz anders, auch mit Ausrufezeichen.
     
  4. ablativ Senior Member

    German(y)
    Ein Imperativsatz endet im Prinzip mit einem Ausrufezeichen, so wie ein Aussagesatz i.d.R. mit einem Punkt endet und ein Fragesatz mit einem Fragezeichen. Diese Interpunktionszeichen beziehen sich auf die grammatikalische Konstruktion des vorangegangenen Satzes und haben nichts mit "barsch", "zornig" oder "unhöflich" zu tun.

    Sagt man z.B. zu einem Handwerker: "Ich will, dass die Arbeit schnell und fehlerfrei ausgeführt wird", so ist diese Aufforderung sehr barsch formuliert, aber trotzdem steht hier kein Ausrufzeichen, da es sich um einen Aussagesatz handelt. Ich weiß nicht, ob hier im Englischen ein Ausrufzeichen stehen würde: I want the job properly carried out !

    "Könn(t)en Sie die Arbeit so schnell wie möglich erledigen?" ist vom Sinn her auch eine (freundliche) Aufforderung, aber als Fragesatz formuliert; daher das Fragezeichen.

    "Please help yourself" ist sicher nicht als scharfer Befehl gemeint, trotzdem würde ich, da formal ein Imperativ vorliegt, im Deutschen "Bitte bedienen Sie sich doch!" mit Ausrufezeichen schreiben.

    Imperativ kommt zwar von (lateinisch) imperare = befehlen, herrschen, gebieten; dennoch geht es beim Gebrauch des zu einem Imperativsatz gehörenden Interpunktionszeichens schlicht um den grammatikalischen Satzaufbau und nicht um die Bedienung des Klischees einer den Deutschen oft nachgesagten "JAWOLL!!-Mentalität".
     
  5. Bahiano

    Bahiano Senior Member

    Den vorzüglichen Erläuterungen von ablativ stimme ich vollkommen zu.
    Ich möchte nur kurz hinzufügen, dass - wie der Name Ausrufezeichen ja schon vermuten lässt - auch Ausrufe mit einem "!" enden. Alo z.B.

    Hallo!
    Huuhuuuh!
    Ach du Schreck!
    Auah!

    usw.

    LG, Bahiano
     
  6. Sidjanga Senior Member

    German;southern tendencies
    Auch mir fällt in letzer Zeit auf, dass im Deutschen viel häufiger Ausrufezeichen verwendet werden als in anderen Sprachen. Der Gebrauch kommt mir unreflexioniert und inflationär vor, und auch ich empfinde sie gelegentlich als übertrieben nachdrücklich oder auch barsch.

    Der Imperativ/die Aufforderung wird ja auch nicht erst durch das Ausrufezeichen dazu, sondern einzig und allein durch die Satzstellung.

    Daher finde ich Ausrufezeichen (was offensichtlichst von Ausruf (!) kommt) als "default"-Ende eines Imperativsatzes vollkommen sinnlos.
    Immer wenn man seinem Imperativsatz tatsächlich Ausrufecharakter verleihen will (den ich aber z.B. im Beispielsatz der Gedichtinterpretation überhaupt nicht erkennen kann) ist es natürlich richtig am Platz.

    Aber da es eben ein Ausrufezeichen ist (und ich es auch normalerweise so verstehe und dem Satz -auch beim Lesen- dann einen anderen Tonfall gebe) bin ich keinesfalls der Meinung, dass es immer am Ende jedes Imperativsatzes stehen sollte.
    Warum auch?

    Hallo! ist ein Auruf, aber kein Imperativ.
    Oh, wie schön! auch.

    Interpretieren Sie bitte das Gedicht. ist kein Ausruf, aber offensichtlich ein Imperativ.

    Auch eine Frage kann mit einem Ausrufezeichen enden:
    Was hast du gesagt?!?!


    Ich kann keinerlei zwangsläufige Beziehung zwischen Imperativ und Ausrufezeichen erkennen. Beim besten Willen nicht.
     
  7. Bahiano

    Bahiano Senior Member

    Sigianga,
    das hat wenig mit Logik oder Einsicht zu tun, sondern schlicht mit Grammatik.
    Auszug aus canoo.net:
    Merkmale
    Aufforderungssätze haben die folgenden Merkmale:
    Verbstellung - Die finite Verbform steht an erster Stelle.
    Verbform - Das finite Verb steht im Imperativ (Befehlsform).
    Intonation - Die Tonhöhe (Satzmelodie) ist gegen das Satzende fallend.
    Satzzeichen - Ein Aufforderungssatz wird mit einem Ausrufezeichen abgeschlossen.

    LG, Bahiano
     
  8. Sidjanga Senior Member

    German;southern tendencies
    Heißt das, dass alle Gebrauchsanleitungen über und über nur so von grammatischen Fehlern durchdrungen sind, selbst wenn sie in wunderschönem Deutsch geschrieben sind? (auch das soll es tatsächlich geben ;))
    1. Öffnen Sie iTunes auf dem alten Computer.
    2. Verbinden Sie den iPod mit Ihrem alten Computer und warten Sie, bis er in iTunes angezeigt wird.
    3. Markieren Sie im Quellbereich im Abschnitt "Geräte" Ihren iPod, um die iPod Einstellungen im Hauptfenster der Mediathek anzuzeigen.
    4. Klicken Sie im iTunes Hauptfenster in den Tab Übersicht.
    5. [...] (Quelle)
    Ganz im Ernst, selbst wenn das Ausrufezeichen als Default-Ende eines Imperativsatzes eine ganz offizielle Regel sein sollte, finde ich sie nicht sinnvoll; nicht nur in Gebrauchsanleitungen, sondern auch in vielen sonstigen Aufforderungen/Bitten.

    Die Hauptfunktion der Satzzeichen ist zweifellos, die Intonation und Interpunktion (Pausen, Struktur) zu kennzeichnen.
    Und die Intonation einer Installationsanweisung oder einer höflichen Bitte - obwol offensichtlich auch dies -grammatisch gesehen- Imperative sind - hat nicht das Geringste mit der eines wie auch immer gearteten Ausrufs (der Freude, oder als Befehl) zu tun.

    Nicht nur in meinen täglichen Sätzen (ähnlich denen in 1.-5.) werde ich auch weiterhin meine Verwendung der Ausrufezeichen an deren tatsächlicher Funktion ausrichten.

    Schöne Grüße,
    S.

    Klicken Sie auf "Start"!!!
    Nun machen Sie schon!
    :cool:
     
  9. sokol

    sokol Senior Member

    Vienna, Austria; raised in Upper Austria
    Austrian (as opposed to Australian)
    In Lehrbüchern sind Sätze mit Ausrufezeichen à là "Interpretieren Sie das Gedicht!" (für Unterstufe wird die Du-Form verwendet) durchaus normal und häufig. Auch Ge- und Verbotsaufschriften in öffentlichen Verkehrsmitteln tragen üblicherweise Ausrufezeichen: "Rauchen verboten!"

    Davon abgesehen ist der Einsatz von "!" jedoch in erster Linie eine stilistische Frage.
    In Österreich wird sehr gern der Konjunktiv gebraucht, Bitten und Aufrufe also als Fragen verwendet - da steht dann natürlich "?" und nicht "!", also etwa: "Könnten Sie bitte zurücktreten?" - "Lassen Sie mich bitte durch?"
    In Deutschland? Gerüchteweise soll dort der Umgangston etwas barscher sein, kurzer und knapper. Ich hab zwar beruflich viel mit Deutschen zu tun, doch da ist mir bisher nie exzessiver "!"-Gebrauch aufgefallen.

    Auf der anderen Seite: ein jetziger Arbeitskollege, der von einer Speditionsfirma zu meiner jetzigen Firma dazugestossen ist, hat beinahe jeden Satz mit mindestens einem Ausrufezeichen beendet.
    Er hat mir auch gesagt, dass in seiner ehemaligen Firma schon ein eher barscher Umgangston geherrscht hat.
    Ich habe ihn jedenfalls dazu gebracht, auf die "!" weitestgehend zu verzichten, weil ich sie schlicht als unhöflich und aufdringlich empfunden habe. Heute schreibt er kaum noch "!". :)
     
  10. Bahiano

    Bahiano Senior Member

    In diesem Falle: JA!
    Übrigens, falls du noch miesere Texte mit noch mehr Fehlern lesen willst, empfehle ich dir die ins Deutsche übersetzten Microsoft-Seiten...

    Wie bereits erwähnt, empfinde ich die Frage nach Sinn und Unsinn unpassend. Welchen Sinn hat es denn eine Frage mit ¿ anzufangen? Keine Ahnung, aber im Spanischen ist es halt so. Welchen Sinn hat es, Substantive mit Großbuchstaben zu beginnen? Wieso heißt das Partizip von "laufen" gelaufen, das von "kaufen" gekauft? Warum sagen wir:"Ich trank." und nicht:"Ich trinkte."?

    Eine aus dem Englischen ins Deutsche übersetzte Installationsanweisung als Referenz für grammatikalische Argumentation halte ich für äußerst fragwürdig. :cool:

    Das nenne ich mal Orthografie-Verweigerung :D

    schöhne gryse tsurryk!
     
  11. Lykurg

    Lykurg Senior Member

    Hamburg
    German
    Ich schließe mich Sigianga darin an, daß ich keinen Sinn darin sehe, jeden Imperativsatz mit einem Ausrufezeichen abzuschließen. Ich halte canoo.net nicht für die zentrale Quelle allgemeinverbindlicher Regeln; für vieles ist dann doch die Sprechergemeinschaft zuständig. In der von Sigianga zitierten Anleitung wären Ausrufezeichen hinter jedem Satz für mein Empfinden einfach grausig.
     
  12. Sidjanga Senior Member

    German;southern tendencies
    Die ¿-Fragezeichen im Spanischen geben dem Leser direkt zu Beginn des Satzes die Möglichkeit zu erkennen, dass es sich um eine Frage handelt, was ihm anderenfalls nicht möglich wäre, da ja - im Gegensatz zum Deutschen und anderen Sprachen - die Wortstellung im Spanischen in Fragesätzen (im Allgemeinen) die gleiche ist wie im Aussagesatz.
    Auch das ist natürlich grundsätzlich diskutierbar. Zur Zeit (seit der letzten dänischen Rechtschreibreform in den 40(?)-er Jahren) ist Deutsch die einzige Sprache, wo dies der Fall ist.
    Im vielbändigen Wörterbuch der dt. Sprache der Gebrüder Grimm (ca. 1854 - 60) ist alles - wirklich alles, auch am Satzanfang und in den mehrseitigen Vorworten - klein geschrieben, obwohl zu dieser Zeit die Großschreibung der Substantive im Deutschen (eigentlich) schon etabliert war.
    Sie waren aber offenbar gegen die Großschreibung, oder fanden Sie jedenfalls nicht sinnvoll, oder jedenfalls nicht wichtig genug, um vielleicht deshalb eventuelle drucktechnische Unannehmlichkeiten lösen zu müssen. (?)

    Möglicherweise wird sich als Folge der konsequenten Großschreibungs-"Verweigerung" vieler Internetbenutzer und E-Mail-Schreiber auch dies bald wieder ändern.
    Wer weiß.
    Dies sind, offensichtlich, keine regelhaften und mehr oder weniger willkürlichen (und anzweifelbaren) Festlegungen, sondern die Ergebnisse der historischen Sprachentwicklung.
    Außerdem finde ich nicht, dass man Morphologie und Grammatik direkt mit der Interpunktion vergleichen kann, da die letztere nichts weiter ist als der Versuch, Intonation und Pausierung der gesprochenen Sprache so gut als möglich graphisch darzustellen.
    Man sollte sich also auch, jedenfalls meiner Meinung nach, an der tatsächlichen Intonation und Pausierung der gesprochenen Sprache orientieren, und nicht (fragwürdige) Default-Regeln einsetzen.
    Auch in direkt auf Deutsch verfassten Installations- oder Bedienungsanleitungen enden Imperativsätze üblicherweise nicht mit "!".
    Wenn, dann höchstens Interpunktions-Verweigerung: ;)
    Aber: Ohne "Befehl" (oder zumindest verbindliche und sinnvolle Regel) kann es auch keine Verweigerung geben.

    ¡Saludos!
     
  13. Sidjanga Senior Member

    German;southern tendencies
    Im Duden "Die deutsche Rechtscreibung” liest man zum Ausrufezeichen:

    § 69
    Mit dem Ausrufezeichen gibt man dem Inhalt des Ganzsatzes einen besonderen Nachdruck. wie etwa bei nachdrücklichen Behauptungen, Aufforderungen, Begrüßungen, Wünschen und Ausrufen.
    [blaue Hervorhebung ist von mir]

    Das ist alles.
     

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