Ich bin das Buch am Lesen

  • vronella

    New Member
    German - Southern Germany
    Dieses grammatische Phänomen nennt sich "Rheinische Verlaufsform" und ist nicht unbedingt der Hochsprache zuzuordnen. Ursprünglich nur im Rheinland/Ruhrgebiet verwendet, hat sich diese Konstruktion auch im Rest von Deutschland verbreitet, wenn auch nicht schriftsprachlich durchgesetzt. Interessant ist hierzu auch der Wikipedia-Artikel.
     

    sokol

    Senior Member
    Austrian (as opposed to Australian)
    Interessant - ich hätte dieser Version doch glatt als grammatikalisch falsch beurteilt, ich hätt nicht für möglich gehalten, dass man das in irgendeinem deutschen Dialekt so sagen kann. So kann man sich täuschen. :)
    Wie weit verbreitet ist das?

    (Ich kenne "Ich bin am Lesen" - obwohl in Österreich nicht üblich -, was so ungewöhnlich an dieser Wendung ist, das ist das eingeschobene "das Buch". :))
     

    vronella

    New Member
    German - Southern Germany
    Genau dieser Einschub ist letztendlich das, was den allgemeinen (bevorzugt westdeutschen) Gebrauch dieser Konstruktion von dem rheinischen unterscheidet. Selbst der Duden erkennt "Ich bin am Lesen" als grammatikalisch korrekt, wenn auch umgangssprachlich, an. Ich empfehle dir, wenn dich das Thema interessiert, den Wikipedia-Artikel "Rheinische Verlaufsform", darin lässt sich noch so manche Abartigkeit finden. Sehr amüsant...!
     

    Savra

    Senior Member
    Deutsch
    Band 9 habe ich nicht. Außerdem widerspreche ich dem Duden gerne. (Eigentlich ungerne, aber er gibt einem leider zuviele Anlässe.)

    Nun ja, Du schreibst selbst, daß es sich schriftsprachlich noch nicht durchgesetzt hat. Und so lange die Rheinische Verlaufsform zu den Reaktionen führt, wie sie es hier tut, kann wohl nur der Duden sie bedingt zur Hochsprache zählen. Mir ist das unmöglich. :)

    Wie lautet denn der vollständige Satz des Zitates? Möchte der Duden einfach mal seinen Senf dazugeben, mal eben so tun als ob, indem er im Passiv die Möglichkeit einräumt oder die Meinung unbekannter Menschen wiedergibt, oder behauptet er selbst, es gehöre teilweise zur Standardsprache? Nicht, daß das etwas an meiner Meinung änderte, es würde nur meine Neugier stillen. :D Aber laß mich raten: da steht, die Verlaufsform werde teilweise so gesehen; von wem, das verrät er aber nicht. Richtig?

    Edit: So, hier ist der vollständige Satz: „Am + Infinitiv breitet sich gegenwärtig rasch aus und wird teilweise schon als standardsprachlich angesehen.“ Was nicht alles von irgendwem irgendwie als irgendwas gesehen wird. Ich gehöre jedenfalls zum anderen Teil.
     
    Last edited:

    vronella

    New Member
    German - Southern Germany
    hehe...
    @ Savra: Also ich wollte auch eigentlich gar nicht so tief in dieses Thema eintauchen, habe aber, nachdem ich mich kurz damit beschäftigt habe, doch allzu Interessantes und Verwunderliches dazu gefunden. Ich würde diese Form auch in der Umgangssprache (und ich komme wohlgemerkt aus Süddeutschland...) nicht benutzen, ich finde, es bereitet nun mal keine Umstände, einfach "Ich lese gerade ein Buch." zu sagen. Aber das bleibt jedem selbst überlassen. In diesem Sinne,
    eine gute Nacht euch allen

    wünscht

    vronella
     

    berndf

    Moderator
    German (Germany)
    Funktioniert es dort allgemein?

    Beispiele:
    Ich bin das Radio am Hören.
    Ich bin das Brot am Essen.
    Ich bin die Tür am Öffnen.
    Ich bin den Hut am Aufsetzen.

    ?
    Im Prinzip ja, die Form ist vollständig produktiv.

    Laut Duden wird sie inzwischen „teilweise schon als standardsprachlich angesehen“ (Duden Bd. 9, 6. Auflage 2007, S. 62)
    Die gilt dann aber wohl für die von Hutschi erwähnte und auch in anderen Gegenden bekannte Form
    Ich bin am Lesen/beim Lesen des Buches,
    die mit den syntaktischen Mitteln der Standardsprache generiert wird: Lesen wird hier substantiviert gebraucht und das Akkusativobjekt das Buch mutiert entsprechend zu einem attributiven Genitiv.

    Der rheinische Progressiv wird hingegen als eigenständige zusammengesetzte finite Verbform gebildet mit dem charakteristischen Satzbauschema
    Subjekt-Hilfsverb-Objekt(e)-Hauptverb:
    Ich bin das Buch am Lesen.
    Ich habe das Buch gelesen.
    Ich werde das Buch lesen.
     

    dec-sev

    Senior Member
    Russian
    Kind: Du bist dein Absatz am verlieren, bist'e!
    Das ist gut, dass ich diesen Thread bemerkt habe. Ich suchte nach dem Englischen "Watch out! You are going to fall!" und die Deutsche Konstruktion scheint genau zu sein, was ich brauche. Richtig?
     

    Hutschi

    Senior Member
    "Du bist dein Absatz am verlieren, bist'e! " ist umgangsspprachlich und bedeutet - soviel ich es kenne - dass sich der Absatz fast gelöst hat. (Wenn er sich ganz ablöst - oder wenn man hängenbleibt, dann kann man natürlich hinfallen.) "Pass auf! Du verlierst gleich deinen Absatz!"

    "Watch out! You are going to fall!" ist eher: "Pass auf, du fällst gleich hin!"
     

    Cpt.Eureka

    Senior Member
    German
    Das ist gut, dass ich diesen Thread bemerkt habe. Ich suchte nach dem Englischen "Watch out! You are going to fall!" und die Deutsche Konstruktion scheint genau zu sein, was ich brauche. Richtig?

    Ja, es korrespondiert mit dem "Weißt du, was du bist?" (Do you know what you are?)
    "Du bist gleich am Hinfallen." (You are going to fall.)

    Aber es ließe sich auch standardsprachlich konstruieren:

    "Weißt Du, was Du bist?"
    "Na?"
    "Du bist im Begriff, gleich hinzufallen."
     

    Hutschi

    Senior Member
    Ja, es korrespondiert mit dem "Weißt du, was du bist?" (Do you know what you are?)
    "Du bist gleich am Hinfallen." (You are going to fall.)

    Aber es ließe sich auch standardsprachlich konstruieren:

    "Weißt Du, was Du bist?"
    "Na?"
    "Du bist im Begriff, gleich hinzufallen."

    Was ist an "Du bist gleich am Hinfallen!" nicht standardsprachlich?

    Ist das tatsächlich nicht standardsprachlich?

    Das Einzige ist, dass man nach der Frage eine andere Antwort erwartet. Insofern ist es ein Sprachscherz.
     

    trbl

    Member
    German
    Band 9 habe ich nicht. Außerdem widerspreche ich dem Duden gerne. (Eigentlich ungerne, aber er gibt einem leider zuviele Anlässe.)

    Nun ja, Du schreibst selbst, daß es sich schriftsprachlich noch nicht durchgesetzt hat. Und so lange die Rheinische Verlaufsform zu den Reaktionen führt, wie sie es hier tut, kann wohl nur der Duden sie bedingt zur Hochsprache zählen. Mir ist das unmöglich. :)

    Wie lautet denn der vollständige Satz des Zitates? Möchte der Duden einfach mal seinen Senf dazugeben, mal eben so tun als ob, indem er im Passiv die Möglichkeit einräumt oder die Meinung unbekannter Menschen wiedergibt, oder behauptet er selbst, es gehöre teilweise zur Standardsprache? Nicht, daß das etwas an meiner Meinung änderte, es würde nur meine Neugier stillen. :D Aber laß mich raten: da steht, die Verlaufsform werde teilweise so gesehen; von wem, das verrät er aber nicht. Richtig?

    Edit: So, hier ist der vollständige Satz: „Am + Infinitiv breitet sich gegenwärtig rasch aus und wird teilweise schon als standardsprachlich angesehen.“ Was nicht alles von irgendwem irgendwie als irgendwas gesehen wird. Ich gehöre jedenfalls zum anderen Teil.

    Für eine Zurechnung zur Standardsprache zumindest des einfachen Rheinischen Progressivs ohne Objekt spricht, dass er mittlerweile im gesamten deutschen Sprachraum verbreitet ist und man zahlreiche Belege für seine Verwendung auch in angesehenen Medien (FAZ, Spiegel etc.) findet.

    Ich bin mir übrigens sicher, dass es vor nicht allzu langer Zeit schon einmal einen Thread zu diesem Thema gab.
     

    Hutschi

    Senior Member
    Band 9 habe ich nicht. Außerdem widerspreche ich dem Duden gerne. (Eigentlich ungerne, aber er gibt einem leider zuviele Anlässe.)

    Nun ja, Du schreibst selbst, daß es sich schriftsprachlich noch nicht durchgesetzt hat. Und so lange die Rheinische Verlaufsform zu den Reaktionen führt, wie sie es hier tut, kann wohl nur der Duden sie bedingt zur Hochsprache zählen. Mir ist das unmöglich. :)...

    Wir müssen jedenfalls unterscheiden:

    Ich bin am Lesen.
    Diese Form wir mindestens teilweise als sta ndardsprachlich anerkannt. Eine ähnliche Form ist "Ich bin beim Lesen."

    Die Form verlangt eigentlich den Genitiv: Ich bin am/beim Lesen des Buches.
    Diese Form wird überregional verwendet.

    Ich bin das Buch am Lesen.

    Das ist regionale Umgangssprache.

    Beide Formen sind hochdeutsch, aber nur die erste gehört (vielleicht) zur Hochsprache.

    Zu den Begriffen, um Missverständnisse zu vermeiden:

    Hochsprache ist eine Form der Standardsprache.

    "Hoch" in "Hochsprache" (ungefähr: hochwertige Sprache, Ausbausprache) hat eine völlig andere Bedeutung als "Hoch" in Hochdeutsch (Gegensatz: "Nieder" in "Niederdeutsch".
     
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