Ich hatte doch da die Sache mit die Juden

DerFrosch

Senior Member
Hallo zusammen,

aus Berlin Alexanderplatz (1929):

Ich hatte doch da die Sache mit die Juden, du weißt schon.

Der Satz wird vom Protagonisten Franz Biberkopf geäußert, dessen Sprache stark umgangssprachlich geprägt ist. Er macht manchmal auch Grammatikfehler, aber "mit die" hat mich doch überrascht. Ich habe immer gedacht, dass es einem Muttersprachler nie einfallen würde, "mit" ohne Dativ zu benutzen, dass es sich einfach zu falsch anhört. Was sind eure Meinungen dazu? Hört man je "mit die" in der Umgangssprache?
 
  • perpend

    Banned
    American English
    Koennte Berlinerisch sein.

    Ich kann mir denken, dass "mit die XXX" in anderen Dialekten in Deutschland auch auftaucht.

    Grammatikalisch fragwürdig, aber gesagt wird es trotzdem. ;)
     

    bearded

    Senior Member
    Hallo
    Soviel ich weiß, konstruieren sich in vielen deutschen Mundarten die Präpositionen immer mir Akkusativ. Es ist aber eben Dialekt, und keine Umgangssprache. Ich kann mich noch erinnern, wie in einem Roman eine Dame aus dem Sudetenland (Bayerisches Dialektgebiet) sagte ''I spiir Schmerzen in die Fieß'' (ich spüre Schmerz an/in den Füßen).
     

    Demiurg

    Senior Member
    German
    Die Berliner sind dafür bekannt, dass sie Akkusativ und Dativ durcheinanderbringen.

    Berlin, ick liebe dir! ;)


    Edit: Bernd war schneller
     

    Hutschi

    Senior Member
    In vielen Fällen gelangt es aus dem Dialekt in die lokale Umgangssprache.
    Berlin, ick liebe dir! - Dialekt
    Ich hatte doch da die Sache mit die Juden, du weißt schon. Lokale Umgangssprache, dialektgefärbt.

    Unklar ist mir, ob das dann jeweils eine Dativ- oder eine Akkussativform ist.
    (Also, ob die Zuordnung der Wörter zu den Fällen oder die Fälle selbst getauscht werden.)
     

    berndf

    Moderator
    German (Germany)
    Soviel ich weiß, konstruieren sich in vielen deutschen Mundarten die Präpositionen immer mir Akkusativ.
    Nein, das ist es nicht. In vielen Mundarten sind die beiden Fälle morphologisch nicht mehr zu unterscheiden und werden darum inhaltlich auch nicht mehr unterschieden. Es sind übrigen, anders als Du geschrieben hast, meist die Dativformen, die die Akkusativformen ersetzt haben. Das ist so wie im Englischen, wo bereits im Spätaltenglischen/Frühmittelenglischem mec (Akkusativ) und me (Dativ) zu me (objective case) zusammengefallen ist.

    Berlin hat, wie andere Städte im Norden, eine Besonderheit: Berlin war ursprünglich niederdeutsch- und nicht wie heute mitteldeutschsprachig. In dem heute verloren gegangenen havelländischen Dialekt, wie er in Fontanes Ballade von Herrn Ribbeck auf Ribbeck im Havelland (der Ort liegt heute nur wenige km von der Berliner Stadtgrenze) noch dokumentiert ist zeigt in etwa, wie sich Berlinerisch heute anhören würde, wenn der ursprüngliche Dialekt überlebt hätte.

    Wie viele Residenz- und freie Städte im niederdeutschen Sprachraum wechselte Berlin im 16. Jahrhundert mit dem Niedergang der niederdeutschen Geschäfts- und Literatursprache von Niederdeutsch zu Hochdeutsch. Niederdeutsch wurde zur "Bauernsprache" auf dem Land. Niederdeutsche Dialekte gehört nun aber zu denjenigen, in denen Akkusativ und Dativ praktisch nicht mehr unterscheidbar sind. Wenn man nun Ick leev di plötzlich in Hochdeutsch sagen soll, kann man bei wört-wörtlicher Übersetzung nicht sagen, ob es Ich liebe dich oder Ich liebe dir heißen soll. Es waren also Sprecher, die die Unterscheidung von Dativ und Akkusativ praktisch bereits seit langem verlernt hatten, damit konfrontiert, eine Sprache sprechen zu müssen, in der sie sich für die eine oder die andere Form entscheiden mussten. Heraus kam dabei dann eine sehr eigene Distribution von Dativ und Akkusativ in der sich neu entwickelnden Volkssprache. In vielen anderen niederdeutschen Städten, z.B. Hamburg, Bremen oder Lübeck, war der Verlust der alten Volkssprache nie so vollständig wie in Berlin und die Diglossie zwischen niederdeutscher Volkssprache und hochdeutscher Bildungssprache ist nie ganz verloren gegangen. Darum haben sich solche Phänomene dort nicht eingestellt, weil die Hochdeutschsprecher in solchen Grammatikfragen hinreichend sattelfest waren, sodass es zu keinen Dativ-Akkusativ-Vermischungen kam.

    Noch radikaler war der Verlust des ursprünglichen Dialekts nur noch in der Gegend Hannover/Göttingen. Dort hat sich gar kein neuer, auf dem Hochdeutschen basierender Dialekt entwickelt, der dieses Phänomen aufweisen könnten. Daher auch die oft zu hörende Aussage, dass die Leute in der Gegend "das reinste Hochdeutsch sprechen".
     
    Last edited:

    bearded

    Senior Member
    Danke, berndf. Und wie kommt denn die Verwechslung Dativ/Akkusativ bei südlichen Dialekten zustande? Die gibt's wohl auch. ((Ich möchte Dich nicht zwingen, dazu noch eine Dissertation zu schreiben.:)Eine kurze zusammenfassende Erklärung würde mir reichen, und vielen Dank im Voraus!))
     
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