Journalistendeutsch: Direkte Rede + "weiss XYZ"

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Liebe Gemeinde

Gerade lese ich wieder eine Formulierung à la (frei erfunden)
"Das Blindekuhspiel macht den Kindern am meisten Spass", weiss Gruppenleiterin Elke Bauer.
Für mich funktioniert das nicht: wörtliche Rede + "wissen". Diese Kombination wirkt auf mich dissonant, ungeschickt, provinziell, u. U. sogar herabwürdigend: Toll, was die Kleine schon alles weiss!

Wörtliche Rede verlangt doch nach einem Verb des Sprechens (im weitesten Sinne: flüstern, schreien, sich mokieren, auch meinen zählt noch dazu – aber nicht wissen, denken, glauben).

Geht euch das auch so?
 
  • samloyd

    Member
    German
    "weiß" ist hier für mich nur eine Variante des üblichen "sagt", "meint", "behauptet", wobei mit anklingt, daß sie nicht einfach nur die Äußerung trifft, sondern dabei aus ihrer Berufserfahrung schöpft: Die Aussage ist damit mehr als bloße Meinung oder Willkür. Sicher ist "weiß" ungewöhnlicher als ein Verb des Sprechens, aber es wirkt auf mich nicht negativ. Es kann sogar zum Ausdruck bringen, daß es zwar dem Sprecher als eine Erkenntnis (ein "Wissen") erscheint, aber in der Tat keine Objektivität beanspruchen kann.
     

    Gernot Back

    Senior Member
    German - Germany
    Es spricht nichts dagegen, uneingeleitete Objektsätze von einem Verb in einem übergeordneten Satz abhängig zu machen.

    canoo.net said:
    Uneingeleitete Nebensätze stehen nicht nur nach Verben des Sagens und Denkens, sondern zum Beispiel auch nach einigen Verben des Hoffens, des Wünschens, des Wahrnehmens:

    Ich hoffe, ich habe dir damit geholfen.
    (...)
    http://www.canoo.net/services/OnlineGrammar/Satz/Komplex/Funktion/Objekt/uneingeleitet.html

    Wogegen sehr wohl etwas spricht, ist, diese uneingeleiteten Nebensätze nach Verben wie wissen, denken, glauben dann mittels Anführungszeichen als direkte Rede zu kennzeichnen. Das passt in der Tat nicht und wäre gerade so, als wenn ein Comic-Zeichner eine Denkblase mit einer Sprechblase verwechselt.

    300px-Sprechblasen.svg.png
     
    Last edited:

    Demiurg

    Senior Member
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    Wörtliche Rede verlangt doch nach einem Verb des Sprechens (im weitesten Sinne: flüstern, schreien, sich mokieren, auch meinen zählt noch dazu – aber nicht wissen, denken, glauben).
    Sie weiß es, und kann ihr Wissen nicht für sich behalten. ;)

    Es ist wohl einen Verkürzung von: ..., weiß Gruppenleiterin Elke Bauer zu berichten.
     

    Demiurg

    Senior Member
    German
    Ich sehe wenig Unterschied zwischen:

    "Das Blindekuhspiel macht den Kindern am meisten Spaß." sagt Frau Bauer.
    "Das Blindekuhspiel macht den Kindern am meisten Spaß." meint Frau Bauer.
    "Das Blindekuhspiel macht den Kindern am meisten Spaß." weiß Frau Bauer.

    In allen diesen Fällen wird eine Aussage von Frau Bauer wiedergegeben und nicht etwa ihre (heimlichen) Gedanken.
     

    samloyd

    Member
    German
    "'Das Blindekuhspiel macht den Kindern am meisten Spass', denkt Gruppenleiterin Elke Bauer." ist in meinen Augen vollständig in Ordnung. Der gedachte Satz wird wörtlich zitiert. Natürlich kann man daraus wieder eine Abhängigkeit machen: "Gruppenleiterin Elke Bauer denkt, das Blindekuhspiel mache den Kindern am meisten Spaß". Interessant ist, daß diese Umformulierung unter Verwendung des Verbs "wissen" nicht möglich ist: "wissen"+indirekte Rede funktioniert nicht; und nach "weiß, daß..." endet es mit dem Indikativ. Zumindest weist dies darauf hin, daß "wissen" sich hier anders verhält als das zweifellos üblichere "sagen" (o.ä.). Mir geht es dennoch nicht so, daß sich etwas gegen die Verwendung von "wissen" mit dieser Konstruktion sträubt. Wegen der registrierten Unterschiedlichkeit kann ich jedoch eine größere Empfindlichkeit an dieser Stelle durchaus verstehen.
    Vielleicht hat auch nur der Journalistenstil hier schon meinen Geschmack verdorben... ;-)
     
    Hallo samloyd, danke für dieses gute Beispiel! Das ist nämlich genau der Knackpunkt.
    "'Das Blindekuhspiel macht den Kindern am meisten Spass', denkt Gruppenleiterin Elke Bauer." ist in meinen Augen vollständig in Ordnung.
    Eben das finde ich nicht. Wenn Frau Bauer ursprünglich gesagt hat, "Ich denke, das Blindekuhspiel... ", dann wird das in dieser Konstruktion unzulässig verkürzt, da wird eine Ebene übersprungen. Denn die Perspektive ändert sich, nicht mehr Frau Bauer spricht jetzt, sondern der Journalist (oder wer auch immer).
    ("...meint Frau Bauer" in dieser Verwendung ist von der Bedeutung verblasst und bloss noch ein Synonym zu "sagt". Bei "denken" sehe ich das nicht so.)

    Verstehst du, was ich meine?

    Dein Beispiel mit der indirekten Rede:
    "Gruppenleiterin Elke Bauer denkt, das Blindekuhspiel mache den Kindern am meisten Spaß"
    sage für mich aus, dass der Sprecher uns Frau Bauers Meinung mitteilt, aber keine konkrete Äusserung von ihr wiedergibt. (Auch wenn es rein formal eine indirekte "Rede" ist...) Ich sehe hier den Konjunktiv nicht so sehr von der indirekten Rede bedingt, sondern mehr als Mittel der Distanzierung von ihrer Aussage.

    Wenn jemand etwas "weiss", dann muss er es ja noch lange nicht sagen. Und ich kann auch wissen, dass sie es weiss, und also einen dass-Satz damit einleiten. Aber eben keine direkte Rede...
     

    Demiurg

    Senior Member
    German
    Wenn jemand etwas "weiss", dann muss er es ja noch lange nicht sagen. Und ich kann auch wissen, dass sie es weiss, und also einen dass-Satz damit einleiten. Aber eben keine direkte Rede...
    Dann ist dein Beispiel schlecht gewählt.

    "Das Blindekuhspiel macht den Kindern am meisten Spaß." weiß Gruppenleiterin Elke Bauer.

    bedeutet für mich, dass sie es dem Journalisten mitgeteilt hat, weil er sonst nämlich nicht darüber berichten könnte.

    Wenn es allerdings hieße:

    "Auf die FDP ist kein Verlass." weiß Angela Merkel.

    dann würde ich dir zustimmen.
     

    samloyd

    Member
    German
    Eben das finde ich nicht. Wenn Frau Bauer ursprünglich gesagt hat, "Ich denke, das Blindekuhspiel... ", dann wird das in dieser Konstruktion unzulässig verkürzt, da wird eine Ebene übersprungen. Denn die Perspektive ändert sich, nicht mehr Frau Bauer spricht jetzt, sondern der Journalist (oder wer auch immer).


    Verstehst du, was ich meine?
    Vielleicht verstehe ich es; jedoch kann ich in mir noch so lange forschen: Die direkte Wiedergabe eines Gedankens setze ich in Anführungszeichen. Es ist einfach ein wörtliches Zitat, ob de facto ausgesprochen oder nicht. Nach meinem Verständnis gehört dazu keineswegs, daß der Gedanke akustisch hörbar gemacht und dann von jemandem wiedergegeben wurde. Man vergleiche:

    "Da ist etwas nicht in Ordnung", denkt sie.
    "Da ist etwas nicht in Ordnung", sagt ihr die innere Stimme.
    "Da ist etwas nicht in Ordnung", sagt sie.
    "Da ist etwas nicht in Ordnung", weiß sie.

    Alle vier Beispiele geben im Wortlaut wieder, was sie denkt/von ihrer inneren Stimme gesagt bekommt/sagt/weiß. Die letztgenannte Formulierung würde ich nicht verwenden; meinem Stil ist sie fremd. Wie schon ausgeführt, verhält sie sich auch anders als die anderen, wenn man versucht, in die Form der indirekten Rede umzusteigen. Ich kann daher verstehen, wenn man daran etwas aussetzt; bei mir geht der Widerstand allerdings nicht ganz so weit. Aber bei den ersten drei Beispielen empfinde ich rein gar kein Hemmnis. Das Kriterium, daß etwas tatsächlich ausgesprochen worden sein müsse, um in Anführungszeichen zitiert zu werden, (weil sonst "eine Ebene übersprungen worden sei",) kann ich zwar denken, empfinde es aber als künstlich. Ich habe keine Skrupel, einen wörtlich gedachten Satz wie einen ausgesprochenen Satz zu zitieren. Allerdings ist ein wörtliches Zitat mit Anführungszeichen eine auffällige stilistische Wahl, die ich ohne besonderen Anlaß nicht vornähme. Das ist aber etwas anderes als die Entscheidung, ob es sprachlich möglich ist oder nicht.

    Da die indirekte Rede stets des Konjunktivs bedarf, kann ich daraus auch kein Mittel der Distanzierung herauslesen. Denn dann könnte man ja nie zur indirekten Rede übergehen, ohne befürchten zu müssen, damit - auch unbeabsichtigt - gleich eine Distanzierung zum Ausdruck zu bringen.

    Frau Merkel sagte: "Ich habe Physik studiert."
    Frau Merkel sagte, sie habe Physik studiert. - Distanziert man sich hiermit von der Aussage? Das finde ich nicht. In der Wiedergabe durch indirekte Rede ist ebensowenig ein Bezug zum Sprecher enthalten wie im wörtlichen Zitat.
     

    Sowka

    Forera und Moderatorin
    German, Northern Germany
    Hallo allerseits :)

    1. "Da ist etwas nicht in Ordnung", denkt sie.
    2. "Da ist etwas nicht in Ordnung", sagt ihr die innere Stimme.
    3. "Da ist etwas nicht in Ordnung", sagt sie.
    4. "Da ist etwas nicht in Ordnung", weiß sie.

    Alle vier Beispiele geben im Wortlaut wieder, was sie denkt/von ihrer inneren Stimme gesagt bekommt/sagt/weiß.
    Die Sätze 1, 2 und 4 wäre aber nur in einer Geschichte sinnvoll, in der der Autor in den Kopf seiner Figur schauen kann (und daraus berichtet ;)).

    Als Teil einer Reportage über eine Person fände ich sie seltsam. Denn derjenige, der dieses "Denken" oder "Wissen" wiedergibt, ist ja eine echte Person, die eben nicht in die Gedanken einer anderen Person schauen kann.

    Ich empfinde die von Mravinszky im OP genannte Redeweise auch als überheblich, kann aber noch nicht ganz genau lokalisieren, warum ich dies so empfinde. Vielleicht eben deshalb, weil darin irgendwie die Anmaßung des Erzählers steckt, der "seine Figur" durchschaut.
     
    Die direkte Wiedergabe eines Gedankens setze ich in Anführungszeichen. Es ist einfach ein wörtliches Zitat, ob de facto ausgesprochen oder nicht. Nach meinem Verständnis gehört dazu keineswegs, daß der Gedanke akustisch hörbar gemacht und dann von jemandem wiedergegeben wurde.
    Aber ich meine eben nicht den Fall, dass die innere Stimme wiedergegeben wird, sondern eine reale Aussage.
    Das Kriterium, daß etwas tatsächlich ausgesprochen worden sein müsse, um in Anführungszeichen zitiert zu werden, (weil sonst "eine Ebene übersprungen worden sei",) kann ich zwar denken, empfinde es aber als künstlich. Ich habe keine Skrupel, einen wörtlich gedachten Satz wie einen ausgesprochenen Satz zu zitieren.
    Tut mir leid, das kann ich eben nicht nachvollziehen, jedenfalls nicht ausserhalb von fiktionalen Texten. In einem Roman, ok...

    Nur am Rande: Das hier
    Da die indirekte Rede stets des Konjunktivs bedarf
    ist eine Regel, die in gesprochener Sprache schon längst ausser Kraft ist.

    Aber darum geht es hier nicht, denn dein Beispiel hiess ja
    "Sie denkt, ..."
    Das ist eine Aussage von dir über sie, nicht die Wiedergabe einer Aussage von ihr. (Ich hoffe, dass ich mich klar genug ausdrücke...)

    :idea: Ein neues Beispiel.

    Mravinszky sagt: "Ich denke, ich drücke mich klar genug aus."
    Die Wiedergabe dieser Aussage in indirekter Rede (ohne Wertung/Distanzierung usw.) ist:
    "Mravinszky sagt, er denke, er drücke sich klar genug aus." oder von mir aus "Mravinszky meint, er denke, er drücke sich klar genug aus."
    Aber nicht dasselbe wie:
    "Mravinszky denkt, er drücke sich klar genug aus." / "Mravinszky denkt, dass er sich klar genug ausdrückt."
    Das ist eine Aussage über Mravinszky, unabhängig von seiner Aussage. Kann heissen: "Er denkt es. Aber ich nicht..."

    Anderes Beispiel:
    "Die indirekte Rede bedarf stets des Konjunktivs" sagt Samloyd. :tick: kein Kommentar des Sprechers intendiert
    Samloyd sagt, die indirekte Rede bedürfe stets des Konjunktivs. :tick: dito: neutrale Wiedergabe der Aussage
    Samloyd denkt/meint, dass die indirekte Rede stets des Konjunktivs bedarf. :tick: neutrale Wiedergabe von Samloyds Meinung oder Aussage, kein Kommentar des Sprechers intendiert

    Samloyd denkt/meint, die indirekte Rede bedürfe stets des Konjunktivs. :warning: Das heisst für mich: "Er glaubt das irrtümlicherweise."

    "Die indirekte Rede bedarf stets des Konjunktivs" weiss Samloyd. :confused: "Journalistendeutsch"?
    Samloyd weiss, die indirekte Rede bedürfe stets des Konjunktivs. :eek: Völlig ausgeschlössen
    Samloyd weiss, dass die indirekte Rede stets des Konjunktivs bedarf. :tick: völlig OK

    Mache ich mich irgendwie verständlich?...
     

    Syzygy

    Senior Member
    German
    Ich schließe mich im Großen und Ganzen #2 an. Ich empfinde es nicht als herablassend, da es sich beim Gewussten meistens um Informationen handelt, zu denen eher der Sprecher als der Leser Zugang hat, würde es allerdings auch nur in Reportagen u. Ä., nicht in fiktionalen Texten erwarten. Für mich ist weiß hier einfach kurz für "sagt, dass sie (aus Erfahrung) weiß, dass" (bzw. "sagt, dass sie wisse").
     
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