muss gesehen haben vs. er hat sehen müssen

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toeinai

Member
Castellano
Hallo Zusammen,

könnte jemand mir erklären, ob diese beiden Sätzen sind äquivalent?

Er muss gesehen haben und er hat sehen müssen

Danke schön!
T.
 
  • Hutschi

    Senior Member
    Hallo, die beiden Sätze sind oft nicht äquivalent. Es hängt vom Kontext ab.
    Normalerweise sind es nur Teilsätze - es fehlt ein Nebensatz oder ein Objekt. Als vollständige Sätze (so, wie Du sie angegeben hast) sind sie selten idiomatisch und haben eine andere Bedeutung.

    Er muss gesehen haben. = Ich vermute mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass er gesehen hat/dass er erleuchtet wurde. (Im Normalfall ist es unidiomatisch, nur im mystischen Sinn kann ich mir den Satz ohne Objekt vorstellen.)
    Er muss gesehen haben, dass die Ampel rot war. = Ich vermute mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass er gesehen hat, dass die Ampel rot war.=Es gibt Grund zur Annahme, dass er gesehen hat, dass die Ampel rot war, es ist unwahrscheinlich, dass er es nicht gesehen hat.

    Er hat sehen müssen. Als Einzelsatz ist das fast immer völlig unidiomatisch, es fehlt das Subjekt.
    Abhängig vom Kontext kann es äquivalent zum ersten Satz sein.
    Er hat sehen müssen, dass die Ampel rot war. - Hier ist es äquivalent.

    Er hat sehen müssen, wie das Auto seine Frau überfuhr. = Er hat (mit) ansehen müssen, wie das Auto seine Frau überfuhr. Die Form mit "ansehen" ist hier idiomatischer und sie ist eindeutig.

    Hast Du genaueren Kontext? In welchem Zusammenhang möchtest du es verwenden?
     

    toeinai

    Member
    Castellano
    Vielen Dank, Hutschi! Sehr erklärbar!! Also, könnte man sagen, dass "er muss gesehen haben" nicht genauso sicher wie "er hat sehen mussen" ist?

    Auf jeden falls, vielen Dank für die Erklärung. Es war perfekt!

    PD: Leider, es gibt kein Kontext, weil ich nur versuche, verschiedene kommbinationen zu stellen. Es ist mir immer noch zu schwierig, in dieses ordentliche Chaos, etwas deutliches zu unterschieden. XD
     

    Perseas

    Senior Member
    Er muss gesehen haben. = Ich vermute mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass er gesehen hat/dass er erleuchtet wurde. (Im Normalfall ist es unidiomatisch, nur im mystischen Sinn kann ich mir den Satz ohne Objekt vorstellen.)
    Hutschi,
    Bei diesem Satz ("Er muss gesehen haben") hast Du bemerkt, dass es eine Nuance von Vermutung (hohe Wahrscheinlichkeit) gibt.
    Ich denke, dass es etwas Ähnliches bei dem anderen Satz ("er hat sehen müssen") nicht gibt. (1)
    Ich würde diesen Satz ("er hat sehen müssen") semantisch näher dem "er sollte sehen" verstehen. (2)
    Stimmt das oder liege ich bei meinen zwei Einschätzungen daneben?
     

    Hutschi

    Senior Member
    Ja. Bei "Er muss gesehen haben, dass ..." handelt es sich um eine Vermutung. (Mir fällt zumindest kein Beispiel ein, in dem es keine Vermutung darstellt.)

    Bei "Er hat sehen müssen, dass ..." kann es sich um eine Vermutung handeln, dann hat es die gleiche Bedeutung.
    Es kann aber auch einen Zwang bedeuten, Wobei also "müssen" die "normale" Bedeutung hat. Dann hat es nichts mit Vermutung zu tun. Meist wird aber dann "ansehen" verwendet.

    "Müssen" hat je nach Kontext und genauer Wortfolge sehr unterschiedliche Bedeutungen.

    Zum Beispiel mit nicht:
    Er muss es nicht gesehen haben. - Hier bedeutet es: Er braucht es nicht gesehen haben. Es ist möglich, dass er es nicht gesehen hat.
    Ohne "nicht":
    Er muss es gesehen haben. - Es ist fast ausgeschlossen, dass er es nicht gesehen hat. Ich vermute sehr stark, dass er es gesehen hat.
    Diese Ausstellung muss man gesehen haben. (Redewendung) = Man sollte sie nicht verpassen. Sie ist sehr interessant. Sie ist sehenswert.

    Beachte: In diesen Sätzen habe ich ein Objekt eingeführt ("es" bzw. "Diese Ausstellung").

    ---
    Ergänzung:

    Er sollte sehen, ...
    Hier ist es stark abhängig, ob "sollte" Konjunktiv ist.

    Er sollte es gesehen haben. (Konjunktiv) Ich vermute, dass er es gesehen hat. Etwas schwächere Vermutung als bei "Er muss es gesehen haben."
    Im Indikativ fällt mir kein idiomatisches Beispiel in vollendeter Gegenwart (Perfekt) ein.

    Er sollte das Bild sehen. (Indikativ) Es war vorgesehen, dass er das Bild sah.
    Er sollte das Bild sehen. (Konjunktiv) Im Moment ist es sehr wahrscheinlich, dass er das Bild sieht.

    "Er sollte sehen" kann als Redewendung etwas völlig anderes bedeuten:
    Er sollte sehen/zusehen, dass er das Weite gewinnt. = Es ist ratsam, so schnell wie möglich zu verschwinden/wegzugehen.
     
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    JClaudeK

    Senior Member
    Français France, Deutsch (SW-Dtl.)
    Für mich gibt es keinen Sinnunterschied zwischen

    1) Die Ampel war rot, das hat er doch sehen müssen (aber trotzdem ist er weitergefahren).
    2) Die Ampel war rot, das muss er doch gesehen haben (aber trotzdem ist er weitergefahren).

    Aber vielleicht entgeht mir da etwas?
     
    Last edited:

    Hutschi

    Senior Member
    Hier gibt es auch keinen Unterschied. Der Kontext macht es völlig klar.

    Es bedeutet: Ich verstehe nicht, dass er das nicht gesehen hat.
    Oder:
    Die Situation war so, dass es jeder, der nicht farbenblind ist, sieht. Wieso hat er es nicht gesehen?

    Das "doch" zeigt, dass es eigentlich klar war, dass er es gesehen hat, es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder er hat es ignoriert oder er war unaufmerksam.

    Farbenblinde beachten die Stellung in der Ampel.
     

    JClaudeK

    Senior Member
    Français France, Deutsch (SW-Dtl.)
    Das "doch" zeigt, dass es eigentlich klar war, dass er es gesehen hat, es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder er hat es ignoriert oder er war unaufmerksam.
    Ich hätte das eher so formuliert:
    Das "doch" zeigt, dass es klar ist, dass er es eigentlich hätte sehen müssen (aber er war unaufmerksam).
     
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