Sie/du? - kulturelle Frage

chat9998

Senior Member
English, US
Hallo alle,

Diese Frage ist überhaupt für die Leute, die in Deutschland wohnen. Und sie ist für einen Kurs bei der Uni (Sociolinguistik).

Mit wem benutzen Sie "du" und "Sie" (was für Leute)? Und finden Sie, dass die Nutzung von "du" im allgemein vergrößert?

Vielen Dank im Voraus!
Jeff
 
  • Hallo alle,

    Diese Frage ist hauptsächlich für die Leute, die in Deutschland leben. Und sie ist für einen Kurs bei der Uni (Soziolinguistik).

    Wann benutzen Sie "du" und wann "Sie" (was für Leute)? Und finden Sie, dass der Gebrauch von "du" im Allgemeinen vergrößert(???:confused:)?

    Vielen Dank im Voraus!
    Jeff
    Du = für Freunde, Verwandte und allgemein für Menschen, die man kennt und mit Vornamen anspricht.
    Sie = Höflichkeitsform; für Menschen, die man nicht kennt und mit Herr und Frau anspricht.

    Gruß, Bahiano

    P.S.: Kulturelle Frage
     

    Hutschi

    Senior Member
    Um vom "Sie" zum "Du" überzugehen ist meist eine spezielle Zeremonie erforderlich.
    Auch bei Menschen, die man mit Vornamen anspricht, wird oft "Sie" verwendet. Zum Beispiel nannten die Lehrer in den oberen Klassen uns beim Vornamen, aber mit "Sie". (Das war etwa 1970, ich weiß nicht, wie das verbreitet ist und ob das heute noch so ist.) In niederen Klassen, bis zur Jugendweihe bzw. Konfirmation oder Kommunion (?) wurden Kinder mit "Du" angesprochen, dann mit "Sie" (Alter ca. 14 Jahre).

    Grundregel: Erwachsene, (außer Verwandte und enge Freunde sowie andere Personen nach Vereinbarung): Sie
    Ausnahme: Kinder, eigene Familie, enge Freunde und gute Bekannte: Du.

    "Du" anbieten: Bei Freunden und Bekannten außerhalb von bestimmten Gruppen ist eine Vereinbarung nötig, das "Du anbieten". Man kann das annehmen oder abschlagen. Kritisch kann es sein, wenn einem von einem Vorgesetzten das Du bei einer Betriebsfeier angeboten wird, besonders, wenn Alkohol im Spiel ist. Es ist dann nicht immer so völlig ernst gemeint.

    Unklare Situationen können sehr unangenehm sein, besonders, wenn man nicht weiß, wie man den anderen ansprechen soll. So kann in bestimmten Gruppen das "Du" üblich sein, wenn man als Neuling dazu kommt, ist es nicht klar, wie man sich verhalten soll.Auf der sicheren Seite ist man mit "Sie".

    Normalerweise ist die Anrede mit "Du" bzw. "Sie" symmetrisch. Nur in einigen Fällen, die durch gesellschaftliche Rangunterschiede bedingt sind, reden sich die Gesprächspartner unterschiedlich an (z.B Lehrer/Schüler).

    "Du" anbieten kann normalerweise der Ältere dem Jüngeren, die Frau dem Mann, gegebenenfalls der Chef dem Mitarbeiter.
    Im Normalfall kann man nicht wieder so einfach vom "Du" zum "Sie" übergehen. Es zeigt dem anderen eine Verschlechterung der Beziehungen.

    Im öffentlichen Leben verbergen einige, dass sie miteinander "per Du" sind, und sprechen sich zum Beispiel bei Interviews und in anderen öffentlichen Situationen mit "Sie" an.

    Ob es für bestimmte Berufsgruppen Anordnungen gibt, "Sie" auch zu verwenden, wenn man verwandt ist, weiß ich nicht genau.


    Die Verwendung ist auch regional und zeitlich unterschiedlich.

    In der DDR war in Betrieben "Du" sehr üblich. Schon nach kurzer Zeit wurden in den Betrieben, in denen ich gearbeitet habe, neue Kollegen einbezogen.
    Nach der Wende 1989 wurde plötzlich das "Sie" üblich. In der Zwischenzeit hat sich das bereits - zumindest lokal - wieder geändert. In dem Betrieb, in dem ich jetzt arbeite, sprechen sich im Prinzip alle bis zur mittleren Leitungsebene mit "Du" an. Am Anfang war das für mich ein Problem, weil ich nicht wusste, wie ich mich verhalten sollte.


    In der Deutschen Sprache gibt es noch eine Art "unpersönliches du", das aber selten verwendet wird und zu Missverständnissen führen kann. "Wenn du die Natur so betrachtest, siehst du, sie ist schön." statt "Wenn man die Natur so betrachtet, sieht man, sie ist schön." Manchmal ist damit auch gemeint: "Wenn ich die Natur so betrachte, sehe ich, sie ist schön." (Das kommt besonders bei "inneren Monologen" vor.)
     

    berndf

    Moderator
    German (Germany)
    In Österreich ist die Verwendung des Du sehr viel verbreiteter als in Deutschland. In einigen Landesteilen (Tirol und Teile von Salzburg) gibt es das Sie überhaupt nicht.

    In der Schweiz gibt es Regionen, wo das ältere "Ihr" noch gebräuchlich ist, z.B. Bern.

    Unabhängig von den Regionen gibt es soziale und professionelle Gruppen, in denen das Sie fast vollständig verschwunden ist. Das gilt insbesondere für Bereiche mit starker internationalen Verflechung, wo der angelsächsische Usus sich im Büro mit Vornamen anzureden eingedrungen ist. Dazu gehören insbesondere der akademische Bereich, IT und Teile des Finanzwelt. (Im akademischen Bereich ist es teilweise auch eine Folge der Studentenbewegung der 60er und 70er Jahre.) Ich arbeite in der Finanz IT in der Schweiz und in Deutschland und ich muss lange zurückdenken, wann mich mal jemand mit Sie angeredet hat.

    Man muss allerdings sehr aufpassen, in welchen Situationen noch die "alten" Regeln so wie von Hutschi beschrieben gelten: Z.B. in Meetings wo Kunden und Lieferanten ein einem Tisch sitzen oder im Akademischen Bereich zwischen (undergraduate) Studenten und Professoren. In Situationen, die nicht klar sind, ist es darum sicherer erst einmal mit Sie anzufangen, denn es gibt auch Situation, wo die unaufgeforderte Anrede mit Du als Beleidigung verstanden wird.
     

    gabrigabri

    Senior Member
    Italian, Italy (Torino)
    Meine Erfahrung: im Fernsehen wird meines Erachten zu oft "Sie" verwendet: z.B. im synkronisierten Filmen, wo Mann und Frau ein Date haben. Oder mit dem Publikum (Günther Jauch, z.B. "wer wird Millionär).
     

    silverbird

    Member
    Deutschland, Deutsch
    Generell ist es immer auch eine Frage der Gegend sowie der sozialen Schicht.

    Auf dem Land wird mehr geduzt als in der Stadt und in Sportvereinen mehr wie in Betrieben.
     
    < Previous | Next >
    Top